Ein Stück Stoff für Betuchte
Von Nicole Unger
Quadratisch, praktisch, gut. Was man normalerweise einer bestimmten Sorte von Schokolade zuschreibt, gilt für das bedruckte Seidencarré von Hermès schon seit Jahrzehnten. 75 Jahre, um genau zu sein. Denn so lange gibt es das wohl bekannteste viereckige Tuch der Welt schon. 1937 brachte das französische Traditionshaus das edle Stück Stoff in der klassischen Größe 90 mal 90 cm auf den Markt. Genau hundert Jahre später, nachdem Sattlermeister Thierry Hermès in Paris sein Geschäft für Sättel und Zaumzeug gegründet hatte.
Heute ist das begehrte Viereck, das in aufwändiger Handarbeit in Lyon in Frankreich hergestellt wird, das Objekt der Begierde vieler betuchter Menschen. Queen Elisabeth trägt das Carré mit den typischen Drucken genauso wie Madonna. Audrey Hepburn, Marilyn Monroe und viele andere Prominente wickelten sich schon damals an „Bad Hair Days“ das Tüchlein dekorativ um den Kopf. Und Grace Kelly verbarg sogar ihren gebrochenen Arm in der Schlinge eines Hermèsfoulard.
Das farbenprächtige Tuch ist Kopftuch, Turban, Armband, Oberteil – aber vor allem ist es ein Stück Kunst. In der Regel dauert es – aufgepasst – unglaubliche zwei Jahre von der Farbauswahl, der Motivsuche, der Kreation des Designs bis zum fertigen Carré. Für ein 90 x 90 cm-Tuch werden dabei 300 Kokons (ca. 450 Kilometer Faden – das ist die Entfernung von Paris nach Lyon) benötigt. Die Foulards werden in aufwändigem Siebdruck gefertigt, für jede Farbe muss ein eigener Druckrahmen geschaffen werden. Enthält ein Tuch beispielsweise 25 Farben, kann man sich vorstellen, wie aufwändig die Produktion wird.
Im Laufe der Zeit kreierten Künstler und Designer mehr als 1500 Designs mit mehr als 75.000 Farben. Grafiken und Bilder sind auf den 75 Gramm leichten Tüchern genauso zu sehen wie Fantasiefiguren. Und natürlich tauchen auch Pferde und Symbole aus dem Reitsport immer wieder auf.
Für die Gravur, die Druckvorlage, muss das Motiv in all seine Farben zerlegt werden. Von Hand wird für jede Farbe eine einzelne Reinzeichnung mit mikroskopischer Genauigkeit abgepaust. Diese Millimeterarbeit rechtfertigt den stattlichen Preis des kleinen Stücks Seidenstoff. Ein klassisches 90 x 90 cm-Tüchlein kostet etwas mehr als 300 Euro.
Wer sich den seidigen Luxus nicht leisten kann, braucht trotzdem nicht auf das kleine Extra zu verzichten. Bedruckte Schals oder Halstücher, die das Outfit aufpeppen, an frischen Tagen vor Kälte schützen oder einfach nur eine kleine Streicheleinheit bieten, gibt es natürlich auch günstiger. Da lässt man sich während eines Shopping-Bummels doch gerne um den Finger bzw. um den Hals wickeln.





