02.08.2012
Reise

Die Wege des Herren

Drei junge Burschen aus München sind auf der Suche nach abgefahrenen Kletterspots in ihrer Stadt. Finden dabei viel mehr als eine verrückte Sportmöglichkeit und landen am Ende – ganz andächtig – im Gottesdienst.

Von Johanna Stöckl

München – Der Reihe nach: Martin (22), Benjamin (17) und Markus (23) klettern und bouldern für ihr Leben gern. In steilen alpinen Wänden, indoor in der Halle oder an großen Felsblöcken. Aber auch in ihrer Stadt suchen sie ständig nach Möglichkeiten, um sich vertikal zu vergnügen. Wenn Benjamin mit seinen Kumpels loszieht, gehen sie zum „Buildern“. Dieses englische Wort ist eine Mischung aus Boulder (Felsblock) und Building (Gebäude). So wie man beim Bouldern an Felsblöcken ohne Sicherung in Absprunghöhe klettert, tut man dies auch beim Buildern – nur eben an urbanen Objekten.

Die heißesten Spots listet Benjamin mittlerweile auf der Website www.buildering-muenchen.de auf. Über diese Internetadresse stolpert schließlich das Bergsportmagazin ALPIN und fragt die drei Kletterer für eine Fotoproduktion an. Da denkmalgeschützte Bauten grundsätzlich tabu sind, man weder stören noch schaden will, klettert der artige Builderer vorwiegend an Brücken, Mauern, Säulen oder Pfeilern. Für dieses Fotoshooting aber wird eine spezielle Location gesucht. Etwas Besonderes soll‘s sein. Am liebsten – oh Gott – eine Kirche! Es hagelt Absagen, was zu erwarten war.

Einer sagt zu. Pfarrer Rainer Maria Schießler, der die Kirchengemeinde Sankt Maximilian betreut, erteilt die einmalige Erlaubnis. „Wenn‘s mia garantiert nit runterfoids, dann dearfst scho nauf“, sagt er beim überaus amüsanten Vorgespräch im Pfarrbüro direkt neben der Kirche St. Maximilian am Isarufer im jugendlichen Glockenbachviertel. Dreimal klingelt währenddessen das Telefon. Dreimal nimmt der Pfarrer Adressdaten auf. Drei Kircheneintritte hat er zu vermelden. Schießler ist ein Pfarrer, der allen Negativtrends zum Trotz Mitglieder gewinnt. Ein charismatischer Menschenfischer. Ein sehr moderner Geistlicher. Ein unbequemer Musterknabe. Pfarrer Schießler tut nämlich nicht, was man von einem katholischen Geistlichen erwartet und spaltet daher die Diözese.

Als die Kletterer mit ihren Schutzmatten, den so genannten Crashpads, am Produktionstag vor ihm stehen, witzelt der 52-jährige Geistliche zur Begrüßung: „I hob denkt, ihr woids klettan, awa so wias ausschaut kemts ihr zum Schlafn?“ Dann lässt er Benjamin, Martin und Markus in Ruhe an den Außenwänden seiner Kirche üben. Er bittet allerdings um Ruhe, da drinnen gleich drei Taufen anstehen.

Später, so ist es abgemacht, kommt auch der Pfarrer mit aufs Bild. „Wenn scho, denn scho. Solang ich da nit selber rauf muas, mach ich mit.“ Punkt 16 Uhr steht er auf der Matte, schaut sich die ersten digitalen Kletterbilder an und meint: „Sauwa, Burschen. Jetzt zeig‘ ich euch noch was!“ Sagt‘s, dreht sich um und öffnet die schwere Tür zum Seiteneingang. Über eine steile Treppe folgen ihm die Kletterer gespannt nach oben.

Nach vielen Stufen bleibt er stehen und öffnet eine Tür. „Kemmt‘s raus, das wird eich gfoin“, ermuntert er die drei, welche mittlerweile nicht nur außer Atem, sondern restlos sprachlos sind. Zwischen den beiden Türmen der Kirche, die wie eine Basilika gebaut ist, nehmen sie Platz auf dem Dach, während der Pfarrer das atemberaubende Panorama genießt. Pfarrer Schießler erzählt, dass seine Kirche zum Gottesdienst immer voll ist. Dass bei ihm, an bestimmten Tagen, auch Haustiere zur Messe willkommen sind. Gelegentlich lädt er in der Kirche sogar zum geselligen Schweinebratenessen ein. Als Fußballfan unterstützt er mit einer Dauerkarte den Traditionsverein 1860 München. Er fährt Motorrad und im Herbst arbeitet er auf dem Oktoberfest im Schottenhammelzelt. Seinen Lohn spendet er einem Aidswaisenhospiz an der Elfenbeinküste. Zwischen seinen Erzählungen klingelt mehrmals sein Handy mit der Melodie „Sweet Home Alabama“. „Ich bin für jeden da, egal, ob geschieden, schwul, lesbisch oder Atheist. Ich bin Seelsorger, kein Moralist. Meine Kirche ist für jeden offen“, sagt er zum Abschied.

Benjamin, Martin und Markus sind begeistert. Natürlich vom Klettern, aber noch viel mehr vom Pfarrer und seiner Kirche. Zwei Tage später sitzen sie zu dritt im Gottesdienst. Andächtig hören sie Rainer Maria Schießler zu. Nach der Predigt klatschen sie. Wie alle anderen in der Kirche. Martins „Bravo, Herr Pfarrer!“ geht fast unter im Applaus.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 02.08.2012
sperrstunde
Parship
Jobs
Panoramabilder
Panoramabilder
Unterkunftssuche
Panoramablick
Events · Kino · TV · Motor · Multimedia · Musik · Stars · Leben ·
AGB Kontakt Impressum