Urkomische Kräfte gegen tiefe Ängste
Von Alexandra Plank
Innsbruck – „Seit ich als Zwölfjähriger mit dem Zeichnen anfing, wollte ich immer glückliche Menschen zeichnen“, erzählt Jean-Jacques Sempé dem Journalisten Marc Lecarpentier. Interviews mit dem scheuen Meister, der am Freitag seinen 80. Geburtstag feiert, sind rar. In dem Buch „Kindheiten“, in dem das Interview illustriert mit zahlreichen Zeichnungen von Sempé abgedruckt ist, lässt der französische Zeichner Lecarpentier nun aber tief blicken.
Jean-Jacques Sempé wurde 1932 in Bordeaux geboren und lebt in Paris. Seine Karikaturen erschienen in Paris Match, Punch, Marie-Claire und ab 1969 im L’Express. Seit 1978 zeichnet er auch für den New Yorker, für den er mehr als 50 Covers und zahlreiche Karikaturen gezeichnet hat. Sempé illustrierte u. a. die von René Goscinny geschriebene Kinderbuchserie „Der kleine Nick“, die sein größter Erfolg wurde, und Patrick Süskinds „Die Geschichte von Herrn Sommer“. Seine legendären Zeichnungen stellen zartbesaitete Musiker, energiegeladene Tänzerinnen, schräge Paare, stille Genießer, vergnügte Radfahrer und andere Überlebenskünstler im großstädtischen Dschungel von Paris und New York dar. Unverhohlene Ironie und spitzfindiger Humor sind seine Markenzeichen.
Für Sempés gezeichnete Helden und Heldinnen ist das Leben aber nicht nur rosarot, sie kämpfen auch den Kampf des Einzelnen gegen Übermächte. Sie fühlen sich verloren in einer Welt, in der die Häuser jedes menschliche Maß eingebüßt haben und weit in den Himmel reichen, in einer Welt, in der die Anonymität sich immer weiter ausbreitet. Aber sie sind bemüht, es sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen und ihren Weg unbeirrt zu gehen. „Ich halte“, so Sempé, „die Menschen für sehr tapfer. Das Leben ist eigentlich zu schwer für uns. Immerzu müssen wir Ängste überwinden. Aus diesen Ängsten schöpfen wir ungeheure Kräfte. Und diese Kräfte können sehr komisch sein. Ich hoffe, dass man meine Zeichnungen nicht als einen Ausdruck von Schadenfreude missversteht. Es ist nicht mein Ziel, mich lustig zu machen über die Menschen.“ Und an anderer Stelle: „Ich zeichne, weil ich mich nicht verstehe und weil ich die Welt nicht verstehe. Das Panorama gibt mir die Möglichkeit, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.“
Die Geschichten des kleinen Nick kennt jeder, sie sind Sempés Meisterstück. Der aufgeweckte Bengel hat sich millionenfach verkauft und ist in mehr als 30 Sprachen übersetzt. „Weder René Goscinny noch ich hatten eine herrliche Kindheit, aber wir benützen den kleinen Nick und das Zeichnen und das Erzählen, um das Gegenteil zu erleben“, sagt Sempé.
In „Kindheiten“ erzählt Sempé zuerst launig, dass er zum schönsten Kind von Bordeaux gekürt wurde, weil er dem klassischen Schönheitsideal von damals entsprach, nämlich ein sehr wohlgenährtes Kind war. Dass er Flohstiche aufwies, ist ihm nur eine Randnotiz wert.
Zu Lachen hatte Sempé, im Gegensatz zu den Lausbuben aus seinen Zeichnungen, wenig. Die Mutter schlug ihn, und zwar mitunter so heftig, dass er infolge der Ohrfeige auch noch mit dem Kopf gegen die Mauer schlug. Während seine Eltern sich wilde Kämpfe lieferten und Geldprobleme die Familie plagten, flüchtete sich Sempé in Phantasiewelten, die ihn die quälende Wirklichkeit leichter ertragen ließen. Diese Fähigkeit hat er sich zum großen Glück für seine zahlreichen Fans erhalten. Die Abenteuer, die Sempé seine Kinder erleben lässt, sind reine Wunschgeschichten: Die Kleinen verkörpern ganz augenscheinlich das Glück der Unbekümmertheit.
Das empfehlenswerte Buch „Kindheiten“ zeigt, dass Sempé ein vielseitiger Künstler ist, der allzu oft auf seine Lausbubengeschichten reduziert wird. Dabei ist er mit seinem liebevoll-ironischen Strich dem kleinen Mann auf der Spur, der aus der Masse herausstechen will.





