Die Augen der Indios von Panama
Reise-Informationen
Anreise: Der Preis eines Fluges von München zum Flughafen in Panama City und retour variiert von knapp 1000 Euro (KLM Royal Dutch Airlines) bis zu 2500 Euro (British Airways) – je nach Anzahl der Zwischenstopps und Fluglänge.
Reisezeit: Von Dezember bis April herrscht Trockenzeit, der Rest des Jahres ist Regenzeit. Kleidung: tropisch leicht, Regenzeug, Tennis-/Wanderschuhe, Pulli (Klimaanlage!).
Info: Bei der Reiseplanung und dem Besuch von Attraktionen in Panama (wie dem Panamakanal, einer 82 Kilometer langen künstlichen Wasserstraße) hilft die Website der Republik Panama: www.visitpanama.com sowie www.panamainfo.com. Im 76.000 Quadratkilometer großen Panama leben rund 3,3 Millionen Menschen.
Von Gerhard Merk (srt)
Panama City – Es sind diese Augen, die einem bleiben. Blicke aus stoischen Gesichtern. Indios. Fast jeder zehnte Panamaer ist Ureinwohner. Zwei von drei sind Mestizen – Europäer mit Indianerblut und umgekehrt. Sie sind stumme Zeugen einer fortdauernden Conquista. Die Stadt und das Kapital, sie aber gehören einer neuen Schicht. Zum Beispiel einem Donald Trump, dessen „Ocean Clubs“ mit den 70 Etagen die Skyline von Panama City übertrumpft. Nebenan protzt das „Hardrock Hotel“ mit 1500 Suiten. Der „F & F Tower“ schraubt sich wie ein Korkenzieher zweihundert Meter in die Wolken. Eine Silhouette von bald zweihundert Hochhäusern lässt Städte wie Frankfurt wie ein Provinznest dastehen. Und diese Stadt hier wächst – ins Meer hinaus.
Denn der dichte Urwald rundum ist tabu. Sein Wasser füllt nämlich den Kanal und der wiederum die Staatskasse; bis zu 250.000 Dollar muss ein Käpt‘n für die 80 Kilometer zwischen Pazifik und Atlantik hinblättern, je nach Tonnage.
An der Miraflores-Schleuse möchte man keine Hand zwischen Mauer und Bordwand halten, weil es so eng zugeht. Doch der Ausbau, der noch mehr Schiffe bringen soll, läuft. Bis 2014 soll selbst die breithüftige „Queen Mary 2“ passieren. Dann wird der Kanal 100 Jahre alt.
Vorher will Frank Gehry sein futuristisches Bio-Museum eröffnen. Mit einem knallbunten Schachtelhaus wird der Star des Dekonstruktivismus (z.B. Guggenheim Bilbao) über eine „Brücke des Lebens“ durch Panamas biologische Vielfalt führen. Die Farben des Rohbaus leuchten über die Bucht bis hinüber in die Altstadt. Hier im Casco Viejo pflastern Arbeiter mit kanariengelben Helmen die Gassen, die mit roten Backsteinen gepflastert sind. Das morbide Kolonialviertel um die barocke Kathedrale mausert sich zum swingenden In-Treff. Im „Vieja Havana“ tanzen junge „Gringos“ auf der Bar und in der Hand halten sie den „best Mojito in town“. Selbst der Präsidentenwächter mit seinem Sturmgewehr am Palast gegenüber wippt mit im Salsa-Beat.
In einer Flugstunde geht es hinaus aus der großen Stadt in den Westen des Landes zum schlafenden Vulkan Baru – mit 3475 Metern ist er der Gipfel Panamas. Darunter schmiegt sich Boquete in ein Voralpenidyll mit glücklichen Kühen. Pensionäre aus den USA strecken dort aufs Angenehmste ihre Rente. Das hippe Jungvolk raftet auf dem wilden Rio Caldera, spreizt sich frei kletternd in Basaltwände und stürmt in sechs Stunden den Vulkan. „Eine besondere Energie“ hat Eva (58) hier gefunden. Die Bremerin kam über den Atlantik gesegelt und baute mit ihrem Skipper das Gartenhotel „Isla Verde“. Auch der Friese Georg (65) war hängen geblieben, er verhökert mit deutschen Gebrauchtmöbeln einen Hauch Heimat. Und in der „Pastelleria Alemano“ von Marianne (51) aus Hagen holen auch die US-Grannies ihren Strudel.
Gelbe Engelstrompeten säumen die Kehren hinauf zur Finca Lérida. Schillernde Kolibris schwirren um Fuchsien und Agapanthus. Über dieser Blumenpracht steigen gestutzte Sträucher empor in Hänge steil wie Kirchendächer. Wir sind im Reich des panamaischen Kaffees. Ein Käffchen nachtschwarz, samtweich und von balsamischem Duft. „Geisha“ heißt die beste Bohne. Ihr Sud verströmt Noten von Zitrus und Jasmin – neun Dollar pro Probetässchen. Bei uns zahlt man bis zu 160 Euro pro Pfund.
César ist ein pfiffiger Guide. Aber so sehr er die Lippen spitzt, vom bunten Quetzal ist nichts zu sehen. Der langschwänzige Paradiesvogel ist abgetaucht im dichten Filz aus Flechten und Farnen. Ein totes Gürteltier auf dem Vogel-Trail, auf dem wir geführt werden, zeugt vom Existenzkampf im Dschungel. Pünktlich zum Nachmittag fällt Regen und der Nebel kriecht in die Plantage. Wir sind über tausend Meter hoch.
Allzu früh wird man wieder von der Sonne geweckt. Bananenstauden schützen den Kaffee der Finca Hartmann vor zu viel Licht. Rund 150 Indios ernten pro Saison die Früchte. Ganze Familien der Ngobe (sprich Njove) kommen in Tagesmärschen aus ihrem Schutzgebiet, der Comarca, und schuften für eine Handvoll Dollar. Die wenigen, die bleiben, leben wie Onkel Tom in Abhängigkeit, Schmutz und Enge. Selbst ihre bunte Tracht kann die Armut nicht verdecken: Hier sind sie wieder – die schwarzen Augen mit dem stummen Vorwurf.
Ein besseres Los haben die Emberá am Rio Chagres gezogen. Nackt und braun bis auf eine Art Mini aus Plastikperlen schippern die Männer bleiche Touristen im Einbaum durch die lehmigen Wasser des Nationalparks. Die Frauen, Hibiskus im Haar, tanzen und kredenzen „Fish & Chips“ im Bananenblatt. Das ist knusprig gebackener Corvina mit süßen Platanos.
Endlich abhängen nach so viel Action: Das geht am besten in der Region Bocas del Toro mit ihrer karibischen Coolness. Holzhäuser in leichtlebigen Pastelltönen beherbergen ein buntes Völkchen von Lebenskünstlern und Hedonisten. Die Wege der Super-Surfer, Alt-Hippies und Tagesgäste kreuzen sich an den Stränden, beim Delfin-Gucken und Schnorcheln.
Im seichten türkisblauen Wasser leben bunte Papageienfische, mächtige Hirnkorallen und knallrote Seesterne. Wenn man dann beim Lunch über den Teller köstlicher Mariscos schaut – dann sieht man diesen Indio im Einbaum vor seinem Pfahlbau. Stumm hockt er da. Was er wohl denken mag?





