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Musik aus Tirol

„Eschaton“ im Treibhaus: Virtuelles Orchester zelebriert die Apokalypse

Multiinstrumentalist Harry Triendl präsentiert am Samstag im Innsbrucker Treibhaus eine außergewöhnliche musikalische Zeitreise.

Von Simon Hackspiel

Innsbruck - Es ist ein ungewöhnlicher und gleichsam faszinierender Weg, den der Tiroler Multiinstrumentalist und Performance-Künstler Harry Triendl eingeschlagen hat. Noch bis vor acht Jahren kreierte der in Oberperfuß geborene Künstler ausschließlich Musik am Computer. Jetzt ist er der Mittelpunkt und Dirigent eines virtuellen Orchesters, im Live-Projekt „Zyklus 3: Eschaton“.

Virtuell deshalb, weil der Großteil der Musiker mit denen Triendl in seinen Shows interagiert, auf zwei große Leinwände projiziert wird. „Auf der Bühne sind wir zu dritt, tatsächlich aber spielen insgesamt 29 Künstler in dem Stück mit“, erklärt der 39-Jährige im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Das wichtigste Instrument ist, neben seiner speziell angefertigten zehnsaitigen Gitarre, deshalb sein Laptop. Triendls „Kommandozentrale“, von der aus der gelernte Computertechniker die aufwändig produzierten Videoaufnahmen der Künstler punktgenau in das Live-Konzert integriert.

Musik aus verschiedensten Genres

Für „Eschaton“ schrieb Triendl ein exaktes Drehbuch, Mitte letzten Jahres begann er dann mit der Ausarbeitung desselben. Im Mai 2012 führte er das Werk schließlich erstmals im Alten Kino Landeck auf. Weitere Vorstellungen in Flaurling und Imst folgten. Auf das Konzert im Innsbrucker Treibhaus am 22. Dezember freut sich der Künstler besonders. Das Datum, einen Tag nach dem angeblich im Maya-Kalender prophezeiten Weltuntergang, ist kein Zufall. Schließlich bezeichnet der theologische Begriff „Eschaton“ die Lehre von den letzten Dingen und dem Anbruch einer neuen Welt.

Kern des Werkes ist die Geschichte vom Anfang und Ende des Menschen auf der Erde, unterteilt in Phasen, die durch Musik, Tanz und Ausdrucksformen der jeweiligen Epoche dargestellt werden. Triendl arbeitet mit starken Bildern, um die wichtigen Schritte der Evolution zu symbolisieren. Tragendes Element bleibt aber die Musik, die - von Elektronik über Jazz und Rock bis hin zu mittelalterlichem Bordun – aus so ziemlich jedem Genre entspringt.

„Ich habe bewusst viel Interpretationsspielraum für das Publikum offen gelassen“, meint Triendl. Trotzdem brauche es aber einen Roten Faden durch das Stück, weshalb er zwischendurch immer wieder den Tiroler Poeten Paul Fülöp von der Leinwand sprechen lasse. „Das erzählerische Element bietet den Zuschauern Halt“, erklärt der Videokünstler.

Fernab von klassischen Wegen

Seine Motivation für die Schaffung dieses „Weltuntergangs-Epos“ sei nicht Geld oder die Aussicht auf Erfolg, sondern eine innere Rastlosigkeit, immer Neues zu kreieren. „Ich habe keinen Cent für dieses Projekt ausgegeben, aber auch kein Geld dafür bekommen“, meint Triendl. Mit den meisten mitwirkenden Künstlern hatte er bereits zuvor zusammengearbeitet, aber auch jene die er noch nicht kannte, seien mit großer Freude bei der Sache gewesen. „Für die Künstler ist das natürlich angenehm, ihr Zeitaufwand ist sehr gering“, erklärt Triendl. „Ich drehe ein Video von ihnen und kann sie dann virtuell in meine Shows einbauen.“ Ein scheinbar einfaches Prinzip, das aber vor allem technische Tücken aufweist. „Am meisten Zeit ist definitiv für die Videobearbeitung draufgegangen“, erzählt der seit 15 Jahren in Telfs lebende Künstler.

Diese Fertigkeit hat sich Triendl selbst beigebracht, wie auch das Musizieren. Neben der Gitarre beherrscht er Schlagzeug, Keyboards und einige exotische Instrumente. „Der klassische Ausbildungsweg war mir zu langweilig. Ich habe einfach herumexperimentiert“, lacht er. „Ich bin zwar kein unglaublich guter Musiker, dafür kann ich aber fast alle Instrumente auf meine Weise spielen.“

Erst 2004 hatte sich Triendl übrigens zum ersten Mal auf eine Bühne gewagt. Von da an entwickelte er verschiedene Projekte unter der Dachmarke „kunst4life“. Dass er mit seiner Art immer wieder in die esoterische Ecke gedrängt werde, wundert ihn nicht. „Eher wundern sich die Esoteriker, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht wirklich aus einer spirituellen Absicht heraus agiere“, meint Triendl. „Ich mache das alles, weil mir mein Schaffen das Gefühl gibt, meine Kreativität leben zu können.“