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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 28.01.2013

Randgebiete und falsche Idyllen

Anna Kim spricht über das kreative Potenzial einer Ernüchterung, das Politische im Privaten und die Krise beim Suhrkamp-Verlag.

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Mit „Die Invasion des Privaten“ und zuletzt „Anatomie einer Nacht“ haben Sie sich in zwei Texten mit Grönland beschäftigt. Was hat Sie an der weltgrößten Insel interessiert?

Anna Kim: Zunächst das Offensichtliche. Grönland schien unglaublich weit weg zu sein, beinahe unerreichbar. Ich dachte, es sei sehr schwierig, dorthin zu kommen. Eine Reise nach Grönland, dass muss eine Herausforderung sein.

Ist es denn so schwierig, dahin zu kommen?

Kim: Nein, überhaupt nicht. Es war leider keine Herausforderung, sondern furchtbar einfach.

Trotzdem entstanden aus dieser Enttäuschung zwei Bücher ...

Kim: Ich würde eher von Ernüchterung sprechen. Aber das ist ein spannender Aspekt von solchen Sehnsuchtsorten. Letztlich eröffnen sie ganz andere Möglichkeiten, als man erwartet hat. In meiner Vorstellung war Grönland eine Landschaft, die sich gut in Literatur verpacken ließ. Weil es diese unglaubliche Leere und Weite gibt und man zunächst nicht weiß, was man sieht. In einer vertrauten Umgebung kann man das, was man sieht, einordnen und damit umgehen. Wenn man aber in eine Landschaft hineingesetzt wird, wenn man sich einer Landschaft aussetzt, die einem fremd ist, dann werden Bedingungen der eigenen Beobachtungen fragwürdig.

In „Anatomie einer Nacht“ heißt es an einer Stelle, dass nur der „richtige Blick“ den Orten eine Geschichte entlocken kann, während der falsche blind bleibt.

Kim: Genau. Ich habe mir Grönland immer weiß und leer vorgestellt. Das ist es natürlich nicht. Es ist sogar ziemlich voll. Trotzdem gibt es diese Ahnung von Unendlichkeit. Wenn man ankommt, ist man beeindruckt. Man sieht diese Blockhäuser, die man von Fotos kennt. Dann stellt man fest, dass diese Häuser winzig klein sind und in desolatem Zustand. Man entdeckt verrostete Rohre, verfaultes Holz. Dann sieht man die ersten Menschen und nach und nach entsteht der Raum für die Geschichte, die man erzählen will.

„Anatomie einer Nacht“ verhandelt anhand einer Suizidwelle gravierende gesellschaftliche Probleme Grönlands. Kann Literatur ein Beitrag zur Lösung solcher Probleme sein?

Kim: Ich glaube, dass es eine Aufgabe von Literatur ist, den Fokus auf Menschen und Orte zu richten, die am Rand stehen und immer Gefahr laufen, vergessen zu werden. Die Situation in Grönland ist auch das Produkt der europäischen Kolonialpolitik. Das ist ein wichtiges Kapitel unserer Geschichte. Es sind vielleicht Randgebiete, die ich beschreibe, aber keine Randerscheinungen, die beschrieben werden.

Anders als viele Autorinnen und Autoren Ihrer Generation verhandeln Sie in Ihren Texten immer wieder explizit politische Zusammenhänge.

Kim: Ich kann das Private und das Politische nicht trennen. Selbst wenn ich eine im Grunde private Nabelschau schreiben würde, wäre sie vermutlich politisch. Mich interessieren die Auswirkungen politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Verhältnisse auf den Einzelnen. Das ist gerade in Österreich sehr wichtig: Wir leben hier vielfach in der falschen Idylle, glauben, dass es Politik nur abseits unseres Lebens gibt. Das ist ein Luxus, den man sich eigentlich nicht mehr leisten kann, weil politische Entscheidungen überall auf der Welt auch unsere persönlichen Optionen bedingen.

„Anatomie einer Nacht“ ist Ihr erster Roman, der im renommierten Suhrkamp-Verlag erschienen ist.

Kim: Wenn man als Autorin nicht ständig von Stipendien abhängig sein will, muss man irgendwann in ein großes Verlagshaus wechseln. Deshalb habe ich das Romanmanuskript an mehrere Verlage geschickt. Suhrkamp hat schnell Interesse bekundet.

Hat sich der Verlagswechsel auf die Arbeit am Roman ausgewirkt.

Kim: Natürlich waren einige Abläufe anders als vorher. Interessanterweise hatte ich mehr Mitspracherecht. Cover und Typographie wurden beispielsweise detailliert mit mir besprochen. Das kannte ich bislang nicht. Überhaupt ist Suhrkamp – auch wenn es nach außen anders wirkt – sehr demokratisch. Allen Entscheidungen gehen intensive Diskussionen und Abstimmungen voraus.

Wenn man über Suhrkamp spricht, kommt man nicht umhin, auch die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Verlages anzusprechen.

Kim: Die deutschen Medien reagieren – gerade, wenn der Name Suhrkamp fällt – etwas hysterisch. Suhrkamp hat die deutsche und europäische Geistesgeschichte der vergangenen Jahrzehnte geprägt. Kein Verlag wird so beklatscht und betratscht wie Suhrkamp. Ich weiß nicht, ob diese Prominenz dem Verlag wirklich guttut – im Moment schadet sie wohl eher. Als die Geschichte (Mitgesellschafter Hans Barlach klagte Verlegerin Ulla Berkéwicz-Unseld, die über eine Stiftung die Mehrheit am Verlag hält, aus dem Amt. In einem weiteren Prozess steht sogar die Auflösung des Verlages im Raum. Anm. d. Red.) hochkochte, war ich natürlich besorgt. Aber ein Gespräch mit meiner Lektorin hat mich beruhigt. Die Verlagsmitarbeiter sehen den Fall viel gelassener als manche Medienvertreter. Die Situation des Verlages ist seit einem Jahrzehnt verworren. Zurzeit wird daran gearbeitet, die Lage übersichtlicher zu machen. Ich bin ziemlich optimistisch, dass das gelingen wird.

Sie haben gemeinsam mit zahlreichen Suhrkamp-Autoren eine Unterstützungsbekundung für Berkéwicz-Unseld unterzeichnet.

Kim: Frau Berkéwicz macht in meinen Augen sehr gute Arbeit. Ich mag das, was sie tut, und die Art, wie sie mit Autoren und Mitarbeitern umgeht, deshalb habe ich unterschrieben.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

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