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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 29.01.2013

Schritte aus dem Verborgenen

Ceija Stojka brachte mit ihren Büchern und Bildern das Schicksal der Roma in der NS-Zeit an die Öffentlichkeit. Am Montag ist sie 79-jährig gestorben.

Wien – Erinnern heißt nicht vergessen wollen – aber auch nicht vergessen können: „Die Angst ist immer in uns. Es gelang mir nie, das zu vergessen. Nie. Und solange ich leben werde, werde ich daran denken, was sie mit uns gemacht haben, der Hitler und seine Leute“, sagt Ceija Stojka in dem 1999 vorgestellten, nach ihr benannten filmischen Porträt von Karin Berger. Berger war auch Herausgeberin von Ceija Stojkas 1988 veröffentlichtem Erinnerungsband „Wir leben im Verborgenen“, in dem sie als erste österreichische Romni ihre Erfahrungen niedergeschrieben hatte. Es folgten weitere Bücher, mit denen die am 23. Mai 1933 in der Steiermark als Kind von fahrenden Rom-Lowara aus dem Burgenland geborene Stojka maßgeblich dazu beitrug, das Schicksal der Roma zu Zeiten des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit zu bringen.

In Bergers Film zeigt Stojka ihren Kindern und Enkeln die einzigen Fotos ihrer Familie – aufgenommen von der „Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes“. In der Zeit von 1941 bis 1945 war Ceija Stojka in drei Konzentrationslagern – Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen – interniert, die sie mit ihrer Mutter und vier Geschwistern als einzige Mitglieder einer 200 Personen zählenden Großfamilie überlebte. Die Gräuel des Nationalsozialismus drückte die gebürtige Steirerin nicht nur in Büchern aus, sondern auch als Malerin in Bildern wie „Die Finsternis von Bergen-Belsen“. 2011 waren Arbeiten der auch als Zeitzeugin und Vortragende äußerst engagierten Malerin und Schriftstellerin auch in Gerald Kurdoglu Nitsches Atelier im Karrnerwaldele in Graf zu sehen. Am Montag ist sie im Alter von 79 Jahren in einem Wiener Spital verstorben.

Stojka wurde im Laufe ihres Lebens mit etlichen Auszeichnungen bedacht, so erhielt sie unter anderem den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1993), das Goldene Verdienstkreuz des Landes Wien (2001), die Humanitätsmedaille der Stadt Linz (2004), das Goldene Verdienstzeichen des Landes Oberösterreich (2005) und den Fernsehpreis der Erwachsenenbildung (2006). 2009 wurde sie mit dem Berufstitel Professorin bedacht.

Anlässlich des 80. Geburtstags, den die Künstlerin im Mai gefeiert hätte, erscheinen im Wiener Picus Verlag „Aufzeichnungen einer Romni zwischen den Welten“, wie der Untertitel zur Neuauflage ihrer beiden Erinnerungsbücher lautet, die erstmals in einem Band erhältlich sind. „Dieses Buch wirkte wie ein Initialfunke in einer gesellschaftlichen Situation, in der sich ein Teil der österreichischen Bevölkerung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu konfrontieren begann“, schreibt Berger im Vorwort. (APA, TT)