07.02.2013
"Die tote Stadt"

„Wir geben unsere Farbe hinein“

Vor der Premiere von Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die Tote Stadt“ sprechen Susanna von der Burg und Jennifer Maines über Doppelbesetzung, Konkurrenz, Freundschaft und unruhige Träume.
Freundschaftlich verbundene Konkurrentinnen: die Sopranistinnen Susanna von der Burg und Jennifer Maines. Fotos: Murauer
Foto: TT - Thomas Murauer
   

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Sie teilten miteinander Senta, Wozzeck-Marie, Tosca, erste „Zauberflöte“-Dame, „Fledermaus“-Rosalinde und andere Rollen, singen jetzt alternierend Catalanis Wally und die Marietta in Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ – Premiere ist am Samstag. Susanna von der Burg und Jennifer Maines haben als Sopranistinnen differente Stimmfarben, aber gemeinsam, trotz jahrelanger Belastungen innerhalb des Ensembles des Tiroler Landestheaters, sich Stimme und Qualität zu erhalten.

Es ist nicht einfach, zugleich Konkurrentin und Freundin zu sein. Das muss emotional ausgehalten und klug gehandhabt werden, aber sie scheinen Virtuosinnen darin zu sein. Rollen, die alternierend gesungen werden, neigen sich gewöhnlich dem einen oder anderen Künstler mehr zu – von der Burg und Maines (alphabetisch gereiht) gelingt es meistens, sie völlig verschieden, aber gleichwertig auszufüllen. Das macht die Produktion spannend und verleitet zu einem zweiten Besuch. „Lohengrin“ am Tiroler Landestheater war ihr Idealfall, beide auf der Bühne in verschiedenen Rollen und darin sehr erfolgreich: Von der Burg sang Elsa, Maines die Ortrud.

Dankbar sind sie, dass unter der neuen Intendanz schon früh entschieden wird, wer die Premieren singt: Maines im September die Wally und von der Burg jetzt die Marietta: „Das ist dann nicht so stressig, entlastet die Beziehung, man blutet sich vor der Premiere nicht so aus, weil wir uns nicht gegenseitig toppen müssen“, teilen sie sich in aller Offenheit auch die Erklärung. Beide sind so genannte Bühnentiere, ziehen eine komplette Aufführung dem Abliefern einzelner Arien und generell dem Konzertpodium vor. Sie erfüllen auch im Konzert hervorragende Aufgaben, „aber viel nervöser“. „In einer Rolle bin ich ganz drinnen, nicht nur im einzelnen Moment“, sagt von der Burg. Und Maines: „Ich verliere mich in der Rolle, habe weniger Ängste, es gibt keinen Stopp in der Oper.“

Sie brauchen die Bühne. „Es ist unser Leben“, sagt Susanna. „Nicht auf der Bühne zu sein, wäre tragisch“, sagt Jennifer. Sie kennen die Härte des Sängerlebens. Früher hätten Sänger häufig ihr Ensemble verlassen, um freischaffend zu arbeiten, berichten sie, jetzt bleiben sie so lange wie möglich. Die beiden Damen lieben das Ensemble. „Im Ensemble lernt man, bescheidener zu sein“, sagt Jennifer Maines, „aber es öffnet auch neue Möglichkeiten. Ortrud hätte ich sonst doch nie gesungen!“ „In Wiesbaden“, erinnert sich von der Burg 16 Jahre zurück, hätte ich schon ‚Tote Stadt‘ machen sollen. Ich tat es nicht, ich war damals noch lyrischer, und für die Marietta braucht es stimmliche Reife. Der Schluss ist unglaublich, braucht so viel Kraft!“ Maines pflichtet bei: „Ja, Marietta ist schwieriger als Wally, sie hat auch viel Tanz.“

Natürlich tauschen sich beide in der Probenphase aus, nicht in Charakteristik und Emotion – „wir schauen einander ja zu!“ –, aber musikalisch: Schwierige Phrasen, heikle Taktwechsel, Verbindung zum Orchester, Atemstellen, Unzähliges mehr, auch Schönheiten. Meistens haben sie dieselben Problemstellen, oft machen sie dieselben Fehler. In der Lage tut sich von der Burg manchmal leichter, „weil mein Stimmsitz drei Töne höher liegt“, innerhalb Korngolds Klanggewalt mag die dramatischere Maines Vorteile haben. Beide lieben ihre Stärken und ganz besonders die Rollendarstellung. „Wir machen es so spannend wie möglich … Wir sind keine Automaten, aber wandlungsfähig und wollen die Figuren authentisch darstellen“, ergänzen sie sich einmal mehr. Die Regisseure vergleichen natürlich, „lassen uns aber unsere Vorteile. Das Grundgerüst – Auftritte, Wege, Tanzschritte, Kostüm, Perücke – bleibt gleich, wir geben jeweils unsere Farbe hinein.“

Sie sind doch auch Konkurrentinnen? „Eigentlich sind wir befreundet“, sagt Jennifer, „Schade, wenn man sich dann doch über manches aufregt. Wir sind stimmlich so verschieden, und doch ist es für mich ein konstanter Vergleich.“ Susanna: „Meine Maxime ist ein gutes Arbeitsklima, das ist wichtig.“ Klar geht es nicht immer ohne Neid und Eifersucht ab, so wie bei „Lohengrin“, wo sie sich gegenseitig unterstützen konnten. „Nur zwischen uns wäre es nicht so schwierig“, summiert Maines, „aber von außen werden wir immer verglichen.“ „Schwierig bei Doppelbesetzungen ist“, ergänzt von der Burg, „dass man sich freispielen muss. Doppelt besetzt hat man immer zu wenig Proben.“

Sie wenden sich einander zu, reden miteinander, lachen, berühren sich. Susanna von der Burg – Jennifer Maines. Träumen unruhig, wenn die Rollen sie nicht loslassen. Teilen sich im Theater eine Garderobe und privat denselben Hals-Nasen-Ohren-Arzt.

„Die Tote Stadt“ (Uraufführung 1920) ist Korngolds klangmächtiges Jugendwerk zwischen Traum und Wirklichkeit. Paul lebt einen unnatürlichen Kult um seine verstorbene Frau Marie. Da trifft er die Tänzerin Marietta, die Marie äußerlich stark gleicht. Das Tiroler Landestheater zeigt die Regensburger Inszenierung von Ernö Weil, die musikalische Leitung hat Alexander Rumpf. Die ebenfalls sehr anspruchsvolle Partie des Paul singt Wolfgang Schwaninger.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 07.02.2013
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