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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 05.02.2013

ISPO

Neu erfunden, sofort kopiert

Kameras in der Skibrille, intelligente Stoffe und teilbare Snowboards: In der umkämpften Wintersportbranche werden die Neuheiten von heute schon für die nächste Saison nachgebaut.

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Von Matthias Christler

München – Sie heißt Shuai Guo und wartet in der Outdoor-Halle B6 direkt beim Eingang auf Aussteller, Händler und Journalisten, um sie freundlich anzulächeln. Die junge Frau aus China knüpft Kontakte. Im Sekundentakt zückt sie ihre Visitenkarte und drückt sie einem nach dem anderen in die Hand. „Komm zu unserem Stand, tolle Helmkameras, alles neu“, sagt sie.

Das ist neu, in den Jahren zuvor waren die Aussteller aus China auf der Sportartikelmesse ISPO in München, die gestern zu Ende ging, in einer eigenen Halle unter sich geblieben. Heuer drängten sie sich zu den namhaften Firmen. Kaum eine Neuheit, die von einer bekannten Marke präsentiert wurde, ohne dass eine Halle weiter ein asiatischer Stand dasselbe Produkt unter einem anderen Namen als Neuheit anpreist.

Im Multimediabereich stach dieser Trend besonders hervor. Gefilmt und fotografiert wird jetzt nämlich aus jeder Perspektive. Die Helmkameras sind beim Freeriden schon fast Standard, doch für viele zu unhandlich. Mit einer in der Skibrille integrierten Kamera löst sich das Problem. Damit werden Videos in HD-Qualität und Fotos mit acht Megapixel aufgenommen. Ein US-Unternehmen wurde für sein System „Soloshot“ ausgezeichnet: Auf einem Stativ stellt man die Kamera auf, die mit einem am Körper befestigten Sender verbunden ist. Die Kamera folgt so dem Sportler und filmt bzw. fotografiert jede Bewegung. Die multimediale Spielerei gibt es natürlich auch auf Chinesisch und heißt wenig spektakulär „AEE SD21“, wird aber im Sommer für ca. den halben Preis in den Handel kommen.

Es muss nicht immer Hightech sein, es reicht praktischer Nutzen. Zahlreiche Hersteller, darunter auch Burton, haben Handschuhe im Sortiment, mit denen sich ein Touchscreen bedienen lässt. Das lästige Aus- und Anziehen, wenn man ein Foto schießen oder telefonieren will, erledigt sich.

Neue Materialien sind auf der Messe großes Thema. Das Comeback der Wolle nicht nur als bunte Mütze, sondern als Funktionsstoff alternativ zur Kunstfaser, wird 2013 eingeleitet. Auch als Unterwäsche. Konkurrenz bekommt die Wolle von der Kokosfaser, die den Körper warm halten und trocknen soll. Dazu kommt die intelligente Unterwäsche für den ganzen Körper mit eingearbeitetem Silikon, durch das die Muskelmuster nachgeahmt und die Muskeln stimuliert werden. Ein Anbieter hat Nachtwäsche entwickelt: Eine spezielle Faser fördert im Schlaf den Blutfluss. Es sind die kleinen Feinheiten, die auf der ISPO herausstechen.

Bei Skiern gibt es – außer leichteren Materialien – wenig Neues. In den kommenden Jahren will die Skiindustrie noch auf der Rocker-Welle mit vorne und hinten gebogenen Brettern surfen – bis der nächste Trend Kaufanreize bietet.

Das könnte einem Innsbrucker Unternehmen schon gelungen sein: „Wir könnten jeden Tag 20 Stück verkaufen. Ich fahre mit einem leeren Kofferraum wieder heim“, sagt Stefan Vellinger, dessen Stand im „Brandnew“-Bereich belagert wird. Der Grund ist sein Splitboard für Snowboarder, die auch Touren gehen wollen. Erste teilbare Bretter gab es Ende der 80er, vor drei Jahren wurden neue auf der ISPO vorgestellt, aber erst mit dem von Vellinger konzipierten „SplitSticks“ könnte eine breitere Masse aufspringen. Testberichte stellen dem Produkt in der Praxis Bestnoten aus. „Es ist ein kleines Segment im Wintersport, aber wachsend“, glaubt Vellinger. 20 täglich hätte er verkaufen können, insgesamt hat seine Zwei-Mann-Firma aus Hötting im ganzen Winter nur 30 Stück fertigen lassen. Für kommende Saison wird auf ca. 300 erhöht.

Andere Hersteller haben sich sein gut durchdachtes, ab 1300 Euro erhältliches Produkt angeschaut (und fotografiert), auch um es zu kopieren. Und billiger zu verkaufen. „Unser Stand ist überrannt worden. Eigentlich habe ich das Brett vor acht Jahren nur für mich selbst entwickelt. Als Hobby, und für mich ist es das immer noch“, sagt der 33-Jährige. Auf den Ansturm war er nicht vorbereitet. Ob er eine Visitenkarte habe? „Nein, die muss ich erst drucken lassen.“

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