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Jesuiten-Pater Severin Leitner

Erwartungen an Franziskus: „Mehr Gewicht für die Ortskirche“

Der gebürtige Südtiroler Severin Leitner, Berater der Jesuitengenerals, über den neuen Papst und die Erwartungen an Franziskus.

Welchen Stellenwert hat für den Jesuitenorden die Tatsache, dass einer von Ihnen jetzt Papst geworden ist?

Severin Leitner: Für uns Jesuiten ist es natürlich eine Freude, dass einer aus unserem Orden zum Papst gewählt worden ist. Wir sind überrascht und dankbar. Wir erwarten keinerlei Bevorzugung. Die Gesellschaft Jesu ist von ihrem Ursprung her, an den Papst und die Kirche gebunden. Daher kann und wird Papst Francesco so wie jeder Papst vor ihm auf den Orden zählen können, wenn er seinen Dienst braucht.

Es wird interpretiert, dass die Wahl des Namens „Franziskus“ auch das Programm des neuen Papstes ist.

Leitner: Der Name „Franziskus“ ist gewiss Programm für den neuen Papst. Die Gestalt des hl. Franziskus steht für Liebe zu den Armen, menschliche Einfachheit und einfachen Lebensstil, frei gewählte Armut. Weiters steht der Name für Liebe und Verantwortung für Welt und Schöpfung. Im Sonnengesang bezeichnet Franziskus die Geschöpfe als seine Geschwister, sogar den Tod. Außerdem steht der Name Franziskus für Liebe zu den Menschen und zur Kirche. Das ist es, was die Kirche heute vertreten muss.

Was bedeutet es aus Ihrer Sicht, dass der Papst erstmals aus einem nichteuropäischen Land kommt?

Leitner: Das ist freilich bedenkenswert. Wir haben in Europa wohl noch kaum realisiert, dass sich ein gewaltiger demographischer Wechsel vollzogen hat. Die Kirche (und die bürgerliche Gesellschaft) Europas und Nordamerikas ist eine alternde Kirche und Gesellschaft und reich. Sie gibt aber die Themen (und Probleme) auch innerkirchlich vor und gibt den Kirchen der südlichen Hemisphäre nicht die Bedeutung und die Stimme, die ihnen zuständen. Die Kirche Afrikas, Asiens, Indiens und Lateinamerikas ist eine junge Kirche und arm. Wir müssen diesen Wandel ernstnehmen und den jungen Kirchen die Bedeutung zusprechen, die sie haben: ihnen gehört die Zukunft. Lateinamerika ist ja der katholischste Kontinent der Welt. Die Wahl von Papst Franziskus hat das Bewusstseins der Kirchen der südlichen Hemisphäre sehr gestärkt, besonders Lateinamerikas.

Im kurzen Telefonat haben Sie erklärt, dass Papst Franziskus herausfordernd sein wird. Was meinen Sie damit konkret?

Leitner: Es ist für die Europäer eine Herausforderung, wenn ein Mensch so ganz unbefangen und offen andere Menschen auffordert zu glauben und zu beten: Am Wahlabend, als Papst Francesco sich auf der Loggia von Sankt Peter zeigte, begrüßte er die Versammelten – der Platz war ganz voll, und die Menschen standen weit hinunter auf der Via della Conciliazione - und aufforderte sie auf, mit ihm zu beten. Dann lud er sie noch zu stillem Gebet im Schweigen ein: es trat ein tiefes Schweigen auf der gesamten Piazza ein. Im Lärm unserer Zeit ist die Stille und das Schweigen eine Herausforderung. Er hat in diesen wenigen Tagen so viele kleine Zeichen von Einfachheit gesetzt: Er verzichtete auf den Purpurumhang beim ersten Auftritt, sondern zeigte sich in der weißen Sutane. Er trägt das eiserne Brustkreuz, das er schon bei seiner Bischofsweihe trug. Am Abend stieg er nicht in die für ihn bereitgestellt schwarze Limousine ein, sondern in den Bus, mit allen anderen Kardinälen und fuhr wie alle anderen zur Wohnstätte. Als er das Haus verließ, bestand er darauf, die Nächtigungen selbst zu zahlen. Es ist zu hoffen, dass er die Kraft hat, diese sympathische und engagierte Linie fortzusetzen.

Papst Franziskus gilt als sozial engagiert. Wie würden Sie ihn theologisch und innerkirchlich einordnen. Es heißt, die Reformer hätten sich mit seiner Wahl zum Papst gegen die Bewahrer und die Kurie durchgesetzt. Was könnte dies bedeuten?

Leitner: Papst Franziskus hat als Erzbischof von Buenos Aires seine Volksnähe gezeigt: Wenn er mit seinem (einfach) Auto gefahren ist, dann saß er selbst am Steuer, aber fast immer fuhr mit dem Bus oder der U-Bahn. Seinen Haushalt besorgte er selbst und kaufte auf dem Markt ein, wie das alle tun. Ein solcher Lebensstil hat mit Theologie zu tun. So unterläuft er die Klassifizierungen von progressiv und konservativ durch eine konsequente und reflektierte Hinwendung zu den Menschen. Für Ihn galt in der schwierigen Zeit seines Provinzialates (1974 – 1980) in Argentinien, pastoral und spirituell das Prinzip: „Vox Populi – Vox Dei“. Er orientierte sich am Glauben der einfachen Menschen und versuchte sie durch die Formen, die ihnen eigen sind, zusammen zu bringen und zusammenzuhalten. Er ist als Theologieprofessor und Erzbischof volksnah und einfach (nicht naiv!) geblieben. Zwei Prinzipien bilden für seine Theologie die Orientierungspunkte: Begegnung und Einheit. Das bedeutet für ihn konkret eine Harmonie, in der Teilen und Wachstum möglich sind, geistlich und materiell. Daher konzentriert sich seine Theologie auf den biblischen Ausdruck der „Liebe“ . Dabei bezieht er sich auf das biblische Wort von Dt 6, 5 und Lev 19, 18, das Jesus aufgenommen hat: „Du sollst Gott lieben „und deinen Nächsten wir dich selbst.“ Er sei in Buenos Aires oft an den Rand hinausgefahren, um die Menschen in den Armenvierteln zu besuchen und zu trösten. So hat er „den Rand zur Mitte“ gebracht, wie das P. Sporschill ausdrückt. Er wird theologisch und kirchlich die Hinwendung zum den Menschen und die Einfachheit und Nähe betonen. Ich traue ihm diese Kraft zu.

Was kann der Papst überhaupt bewegen? Ist die Erwartungshaltung der Gläubigen, beispielsweise in Europa, wo man sich Reformen und eine Öffnung der Kirche wünscht, nicht zu groß?

Leitner: Was ein Papst bewegen kann, hängt auch von ihm selbst ab. Er muss die Kraft haben, sich gegenüber eingefahrenen Geleisen durchzusetzen. Man hatte an Johannes XXIII. keine großen Erwartungen. Und doch hat dieser schlichte alte Mann so vieles bewegt. Wir müssen Papst Franziskus jetzt beginnen lassen und ihn nicht an den „Erwartungen“ der alten europäischen Kirche messen, sondern ihm erlauben, seine eigenen Schwerpunkte zu suchen und zu setzen.

In einem Festvortrag für Weihbischof Krätzl zu dessen 80. Geburtstag haben Sie das II. Vatikanische Konzil als Sprung nach vorwärts bezeichnet. Welchen Sprung vorwärts sollte Papst Franziskus in der Kirche heute im Jahr 2013 machen?

Leitner: Das Zweite Vatikanische Konzil als einen “Sprung nach vorne“ und die nachkonziliare Kirche als „im Sprung gehemmt“, das sind Bezeichnungen von Weihbischof Dr. Helmut Krätzl selbst. Ich erwarte mir von Papst Franziskus mehrere Dinge:

Hilfe für die Menschen in ihrem Glauben, in ihrer Gottsuche und ihrem Vertrauen auf Gott und aufeinander. Sensibilität für ungerechte Strukturen und deutlichere Wahrnehmung der verborgenen Armut durch die Kirche. Er wird seinen Finger auf solche Wunden legen.

Ich erwarte mir, dass die Kluft zwischen Rom und den Ortskirchen, zwischen der Hierarchie und dem Volk kleiner wird. Dass die Stimme der Ortskirchen mehr Gewicht bekommt. Die Nähe zu den Menschen und die Fähigkeit zum Hören und Fühlen, das heißt, eine neue Kommunikation in der Kirche in gegenseitiger Ernst- und Annahme. Weiters erwarte ich ein Zeugnis größerer Einfachheit in Leben und Lebensstil, größere Verantwortung für die Umwelt und die Schöpfung. Förderung des ökumenischen und interreligiösen Dialogs und des Dialogs mit den Kulturen.

In diesen wenigen Tagen hat Papst Franziskus viele Zeichen gesetzt.

Was ich von Papst Franziskus nicht erwarte (und ihn deshalb auch daran nicht beurteile), ist die Abschaffung des Zölibats. Ich erwarte mir aber vom Bischof von Rom – als solchen hat er sich für seinen Klerus apostrophiert – Hinweise für einen kreativeren Lebensstil für die Priester und Ordenschristen. Ich erhoffe auch einen neuen und kreativeren Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten in der Kirche.

Letzte Frage: Wie ist die Stimmung in Rom, weil nach 35 Jahren wieder kein Italiener Papst geworden ist?

Leitner: Die Stimmung in Rom ist gut. Die Italiener lieben ihren Papa Francesco, wie sie auch Papst Benedikt mit seinem herrlichen deutschen Akzent geliebt haben. Die spanischen Ingredienzien in seinem Italienisch stören sie nicht.

Das Interview führte Peter Nindler.