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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 17.04.2013

Mehr Breite als Tiefe

Ein geerbtes Museum, viele neue Preise, ein aktualisiertes Fördergesetz, darüber hinaus aber wenig Gestaltungswille haben die Kulturpolitik seit 2008 geprägt: eine Bilanz.

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Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Sieben in einer Amtszeit: Im Herbst 2013 werden erstmals auch Tirols beste Vokalensembles mit einer Auszeichnung bedacht. Der neue Chormusikpreis des Landes ist – nach Preisen u. a. für Volkskultur, Blasmusik und Literatur – bereits die siebte Auszeichnung, die von Beate Palfrader ausgelobt wurde.

Mit Preisen hat die seit Fritz Astl am längsten, nämlich eine gesamte Legislaturperiode, dienende Kulturlandesrätin nicht gespart. Für kulturpolitisch preisverdächtig hält das nicht jeder. So hatte Hans Haid anlässlich der Verleihung des ersten Otto-Grünmandl-Preises an ihn im Jahr 2010 „fünf kleine Tausender für ein Lebenswerk“ jenen Millionen gegenübergestellt, die in „eine Museumsleiche am Bergisel“ investiert wurden.

Es waren am Ende rund 25 Mio. Euro, die das Tirol Panorama verschlungen hat. Geerbt hatte Palfrader das Projekt von Herwig van Staa, gedrängt hat es sie gleich zu Beginn ihrer Amtszeit in die Position der ständigen Rechtfertigung. Doch sie boxte die Sache brav durch. Und wird heute nicht müde, das Museum als ihr „liebstes Kind“ und Vorzeigeprojekt zu präsentieren.

Rund 350.000 Besucher seit der Eröffnung 2011 stehen auf der Habenseite der neuen Riesenrundgemälde-Heimat samt schrulligem Tirol-Sammelsurium. Auf der Seite der freien Kulturinitiativen und -zentren standen schon während der Bauzeit Sparvorgaben und die von Palfrader ausgerufene Parole „wenig Spielraum für Neues“. Anfang des Jahres hat die Interessensvertretung TKI erneut wenigstens fünf Prozent vom Kulturtopf für die freie Szene gefordert (2011 waren es laut TKI 1,29 %) – übrigens von allen wahlwerbenden Parteien. Dies auch angesichts weiterer Großprojekte wie dem neuen Festspielhaus in Erl. Der Musen-Tempel mit acht Millionen Euro Landesbeteiligung steht bereits, Hausherr Gustav Kuhn lobt im Personen-Komitee von Günther Platter dessen „Handschlag-Qualitäten“.

Palfrader indes hatte 2008 auch eine andere Baustelle „geerbt“: das schwer verschuldete Kulturgasthaus Bierstindl, dessen endgültige Grablegung schon einige Kulturreferenten vor ihr geduldig verschleppt hatten. Wohl auch in der Hoffnung, jemand anders möge am Ende den Buhmann machen. Eine Rolle, die schließlich Palfrader zufiel, auch wenn die Inhalte des Ende 2010 zugesperrten Bierstindl von Ritterspielen bis zu DJ Café wohl in etwa dem entsprochen hatten, was die Landesrätin stets als ihr kulturpolitisches Motto propagierte: größtmögliche Bandbreite, von der von Palfrader stets mit fast übertriebener Vehemenz beschirmten Volkskultur bis zum von ihr anfangs eher argwöhnisch beäugten Zeitgenössischen. Allein diese Haltung riss Gräben auf, die es sonst vielleicht gar nicht gegeben hätte. So hörte man zuletzt etwa aus Volksbühnenkreisen, man hätte sich für den ebenfalls neu ausgelobten Volksbühnenpreis lieber einen „moderneren“ Namen gewünscht.

Über die Breite hinaus festlegen, etwa auf konkrete kulturpolitische Ziele oder gar auf die Erarbeitung eines Kulturleitbildes für das Land, wollte sich die Landesrätin bisher nicht. Die Vielfalt sollte auch eines ihrer ersten eigenen Projekte, ein Kulturkalender auf der Landeshomepage, abbilden. Von heute an bis zur Wahl am 28. April zeigt der im Bezirk Innsbruck Stadt allerdings gerade einmal zwei (idente) Veranstaltungen an, in anderen Bezirken keine einzige. Am mangelnden Kulturangebot liegt das nicht. Doch nicht einmal jene Einrichtungen, in denen das Land als Gesellschafter sitzt (Landesmuseen, Landestheater), tragen hier ihre Termine ein.

Mehr Interesse zog die Erneuerung des Kulturfördergesetzes auf sich. Es wurde, etwa durch die Aufnahme der Sparte Neue Medien, unter Palfrader zwar deutlich modernisiert, keinesfalls aber revolutioniert. Unerfüllt blieben u. a. manche Wünsche aus der Kulturszene wie die Möglichkeit, Eigenhonorare zu verrechnen.

Auf dem Kulturparkett fühlt sich Palfrader inzwischen deutlich wohler als noch 2008. Bei Eröffnungsreden ist sie souveräner, in inhaltlichen Fragen aufgeschlossener geworden. Auf Kritik reagiert sie mitunter freilich nach wie vor äußerst verschnupft und mit Drohgebärden, was Anfang 2012 etwa auch die TKI zu spüren bekam. Kritische Stimmen erheben sich in Tirol aber ohnehin nur noch selten: Nur wenige trauen sich, die Hand, die sie füttert, zu beißen.

Palfrader hat gegenüber der TT zuletzt erklärt, sie wolle das Kulturressort unbedingt weiterführen. Manche dürften das als Drohung verstehen. Anderen dürfte die Aussicht auf Kontinuität in der insgesamt ziemlich kulturfernen Tiroler Politikerlandschaft als das geringere Übel erscheinen.

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