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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 19.04.2013

„Und plötzlich stand sie mitten in einem Orkan“

1973 sorgte das Kroetz-Stück „Stallerhof“ in Tirol für einen Skandal: Eine Lehrerin verlor ihren Job. Und so mancher den Glauben an Gerechtigkeit.

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Von Christiane Fasching

Innsbruck – Als Franz Xaver Kroetz’ Stück „Stallerhof“ 1972 in Hamburg uraufgeführt wird, ist der Applaus groß. Vor allem die blutjunge Eva Mattes, die man heute als „Tatort“-Kommissarin Eva Blum kennt, wird für die Darstellung des Bauernmädels Beppi hochgelobt. Skandalisiert wird nichts – obwohl Kroetz drastische Themen anschneidet. Beppi ist geistig zurückgeblieben, ihre Eltern empfinden mehr Scham als Liebe für sie. Als sie plötzlich vom einfach gestrickten Knecht Sepp schwanger wird, denkt man daran, sie zu töten. Oder wenigstens diesen „Bastard“ abzutreiben.

Agnes Larcher ist 35, als ihr 1973 der Kroetz-Text in die Hände fällt. Beppis Geschichte „elektrisiert“ sie, wie der Südtiroler Journalist und Autor Hans-Karl Peterlini erzählt. Larcher, auf einem Südtiroler Bergbauernhof aufgewachsen, fühlt sich berührt von der Rauheit, der auch sie begegnete. Zu dieser Zeit unterrichtet sie an der Hauptschule in Absam, wo sie „Stallerhof“ im Unterricht mit 14-jährigen Schülerinnen durchmachen will. Die Texte teilt sie noch aus, doch bevor sie darüber sprechen kann, wird sie fristlos entlassen – wegen „besonders schwerer Verletzung ihrer Dienstpflichten“. Doch Larcher schweigt nicht, sondern setzt sich zur Wehr, was zur Folge hat, dass ihre Geschichte zum Thema für das Feuilleton wird. Literaturkritiker Hellmuth Karasek schreibt in der Zeit über die „uralte Moralfarce“, selbst Nobelpreisträger Heinrich Böll macht sich für Larcher stark. Solidarität erfährt die Pädagogin auch von Seiten der Kirche, die ihr zuvor in Gestalt des damaligen Bischofs Paul Rusch in den Rücken gefallen war. Der Theologe Karl Rahner ergreift für sie Partei und vertraut „auf die Gerechtigkeit der Tiroler Behörden“. Vergeblich. Larchers Suspendierung wird nicht aufgehoben – aber es kommt zu einem gerichtlichen Vergleich. Sie kann an anderen Schulen unterrichten, nur nicht im Wallfahrtsort.

Agnes Larcher macht das auch. Sie gibt ihr Wissen in Italien, dem Iran und im ehemaligen Jugoslawien weiter. Mit ihrem Mann, dem Innsbrucker Erziehungswissenschafter Dietmar Larcher, verarbeitet sie das Geschehene in der Publikation „Der Mythos vom Schonraum Schule“. Am 21. September 2012 stirbt sie – kurz darauf wird in Bruneck „Stallerhof“ gezeigt. Skandalfrei, wie Hans-Karl Peterlini erzählt, der die Causa Larcher in dem Artikel „Der Teufel im heiligen Land“ verarbeitet hat. Heute sagt er: „Sie war eine junge Lehrerin, die nichts Böses gedacht hat. Und plötzlich stand sie mitten in einem Orkan.“

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