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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 05.06.2013

Explosive Familienmischung

Familiensaga mit hollywoodreifem Showdown: Der Belgier Peter Buwalda lässt in seinem Debütroman „Bonita Avenue“ einen Mann spektakulär scheitern.

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Von Edith Schlocker

Innsbruck – Im Debütroman von Peter Buwalda als „europäische Antwort auf Jonathan Franzens ,Korrekturen‘“ (so die ZEIT) zu sehen, ist wohl etwas hoch gegriffen. Nicht vielleicht deshalb, weil das Buch des Amerikaners 784 Seiten, das des 42-jährigen in den Niederlanden lebenden Belgiers „Bonita Avenue“ 144 Seiten weniger hat. Beide Bücher sind Familiensagas, und beide räumen auf ihre Weise gründlich mit der Mär familiärer Idylle auf.

In der Sippschaft, in der es in „Bonita Avenue“ geht, passiert allerdings mehr als in einer „normalen“. Lauert unter der scheinbar bürgerlich saturierten Oberfläche das Abgründige, Verbrecherische, zutiefst Böse. Wirklich glücklich war die belgische Patchworkfamilie eigentlich nur in der dem Buch seinen Namen gebenden kalifornischen Bonita Avenue. Die Zeiten, in denen der aufstrebende junge Mathematiker Siem Sigerius mit seiner Frau und deren zwei Töchtern hier gelebt hat, sind allerdings längst vorbei.

Als Metapher für eine zerbrechende Welt verwendet Buwalda die niederländische Stadt Enschede, wo bekanntlich vor 13 Jahren eine Feuerwerksfabrik explodiert ist, die 23 Menschen das Leben gekostet hat. An deren Rand lebt die Familie des aus kleinen Verhältnissen stammenden, nunmehrigen hoch geachteten Rektors der Universität in einem schönen großen Landhaus komfortabel. Besonders seine ebenso intelligente wie bildhübsche Stieftochter Joni liebt Sigerius abgöttisch, jedenfalls wesentlich mehr als seinen missratenen leiblichen Sohn Wilbert, um den er sich nie gekümmert hat, ihn bei seiner alkoholkranken Mutter aufwachsen ließ.

Er ist kriminell, ein notorischer Gewalttäter und sinnt im Knast nach Rache an seinem Vater. Für den Jazzfreund Sigerius bricht seine künstlich aufrechterhaltene „heile Welt“ allerdings erst zusammen, als er letztlich als zahlender Kunde auf eine Internetpornoseite stößt, auf der er seine idealisierte Juni erkennt. Gemeinsam mit ihrem scheinbar harmlosen Freund Aaron macht die vermeintliche Studentin auf diese Weise massenweise Kohle, die sie unter anderem in einer in Südfrankreich liegenden Jacht anlegt. Auf der auch der fatale finale Showdown des nunmehrigen Wissenschaftsministers stattfinden sollte. Nachdem er in einem hollywoodreifen Zweikampf seinen Sohn ins Jenseits befördert und im Wald verscharrt hat. Die Familie ist zu dieser Zeit längst zerbrochen, Joni endgültig in der Pornoindustrie gelandet, Aaron total in seine Depression abgeglitten.

Wie man sieht, es ist viel, vielleicht allzu viel, das Peter Buwalda in sein Buch hineingepackt hat. Das sich wahrscheinlich gerade deshalb trotz seiner 640 Seiten ungeheuer spannend liest. So neugierig ist man darauf, was in dieser Familie als Nächstes passieren wird. Trotzdem kommt „Bonita Avenue“ doch allzu konstruiert, spekulativ überfrachtet daher. Dass Peter Buwalda das Handwerk des Schreibens, die Beschreibung von Situationen und Charakteren exzellent beherrscht, darüber herrscht allerdings nicht der geringste Zweifel.

In Holland hat sich das Buch mehr als 250.000-mal verkauft, von den neun Preisen, für das es nominiert war, hat es fünf gewonnen.

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