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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.06.2013

Lieber Hansi, wieso schreibst du nicht?

Das Museum als Kuriositätenkabinett: vom halben Geier bis zu Vorschlägen zur Erledigung der Magen-Frage.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „Unsere Sammlung hält sowieso jeder für kurios – außer wir selbst“, antwortet Gerhard Tarmann, Kustos der Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen, auf die Frage, ob die Suche nach besonders Merkwürdigem schwergefallen sei. Fündig geworden sind aber auch alle anderen Kustoden – nämlich in den Vor- und Frühgeschichtlichen, den Historischen, Kunstgeschichtlichen und Graphischen Depots, in der Bibliothek und in der Musiksammlung. Weshalb im Ferdinandeum jetzt ein 3000 Jahre alter Mumienfuß, ein Jugendstil-Fahrstuhl und ein Vogelrelief, gemacht aus einem präparierten halben (!) Geier, in schönster Eintracht nebeneinanderstehen. 21 Objekte vereinte Tarmann unter dem Titel „Kurios und Merkwürdig“. Aber nicht, um sich mit dem Image des Kuriositätenverwalters weniger allein zu fühlen. Vielmehr sollen die absonderlichsten Exponate die Vielfalt des Sieben-Sparten-Hauses demonstrieren, das neben dem steiermärkischen Landesmuseum den größten regionalen Sammlungsbestand Österreichs betreut.

Merkwürdig mutet mitunter auch an, was da alles gesammelt wird – etwa Fanpost, ausgerechnet an Hansi Hinterseer. Aus seiner Zeit als Skifahrer, wohlgemerkt. „Wenn du schon nicht mein Brieffreund sein willst, dann schreibe mir bitte zurück und lege ein Foto bei“, textet da ein schwer entflammtes Mädchen. Alle Briefe stammen aus dem Jahr 1973, da feierte Hinterseer seinen ersten Sieg im Riesenslalomweltcup, einer erreichte ihn sogar aus Japan. In der Bibliothek werden sie wohl als Zeugen einer im digitalen Zeitalter aussterbenden Schriftgattung überdauern. Mit den auf 1905 datierten „Vorschlägen zur Erledigung der Magen-Frage“ verwaltet man auch kuriose Speisekarten, die Historischen Sammlungen verfügen über in einer Buchattrappe versteckte Freizügigkeiten aus dem 19. Jahrhundert, nämlich Abgüssen erotischer Gemmen und Kameen. Und wie aus Rembrandts „Altem Mann mit Pelzmütze“ moderne Kunst geworden ist, zeigen die Graphischen Sammlungen.

All das erzählt auch einiges über Museumsarbeit. Oder über diplomatische Beziehungen: Der Japanische Serau, ein Verwandter der Gämse, darf eigentlich weder tot noch lebendig ausgeführt werden. Ins Ferdinandeum haben es trotzdem drei präparierte Exemplare geschafft – übrigens auf ganz legalem Wege.

Ein Farbsystem markiert die Zugehörigkeit zur jeweiligen Sammlung, für die Präsenation wurde ein „Tunnel“ mit Blättern aus der „Ferdinandea“ tapeziert. So großen Aufwandes hätte es aber gar nicht bedurft: Kurioses und Merkwürdiges entfaltet auch in dezenterem Rahmen seine Wirkung. Und ist auch aus privater Hand willkommen: Leere Vitrinen für Leihgaben stehen bereit.