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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 11.07.2013

Keine Chance für echte Liebe auf Fête blanche

Mit einer ausgezeichneten „Traviata“ rundete Gustav Kuhn bei den Tiroler Festspielen Erl die Trias der mittleren Verdi-Opern ab.

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Von Ursula Strohal

Erl – Die Premiere von „La Traviata“ beschloss am Freitag im neuen Festspielhaus Verdis Trilogia popolare und festigte einmal mehr in der Erler Oper das Primat der Musik. Das Orchester rückt Gustav Kuhn hier naturgemäß etwas weniger in den Vordergrund, aber es ist in jeder Phase intensiv präsent. Weit entfernt von Kitsch und Heul-Metier bildet es ab, was die Menschen auf der Bühne emotional bewegt, begleitet ihre Reden, zündet Feuer und Schmerz und holt stets das Subkutane an die Oberfläche. So kann die Figur falsch reden, das Orchester spricht wahr.

Bei Wagner dominiert das Orchester, bei Verdi die Gesangsstimme, lautet das Klischee mit gutem Anteil Wahrheitsgehalt. Kuhn hat längst, bevor es jetzt auf breiterer Ebene praktiziert wird, auf leichtere Stimmen bei Wagner gesetzt und des Komponisten Wunsch nach einem italienischen Gesangsstil entsprochen. Bei Verdi dagegen holt er den Orchesterpart aus der Vernachlässigung, zoomt ihn ins Bewusstsein und zeigt, dass Verdi den Instrumentalpart ja nicht beiläufig geschrieben hat. Mechanismen der Trilogia werden deutlich, in „La Traviata“ verbindet Verdi die dramatischen Szenen von „Rigoletto“ mit den erweiterten ariosen Teilen von „Trovatore“. Erinnerungsmotive flammen in allen drei Opern auf.

Das „Traviata“-Orchester ist von hauchzarter Klangschönheit, trumpft mit hartem Kern bei den Feiern der Halbwelt auf und begleitet die bürgerliche Ignoranz des Père Germont mit fast ironischer Trockenheit.

In die Kuhn’sche Dramaturgie eingebunden ist eine maximale Reduktion der Szene, die einerseits die herrschende optische Vorrangstellung sabotiert, andererseits Auswüchse des Regietheaters unterläuft. Das führt nicht immer zu überzeugenden Ergebnissen, denn der Regisseur Kuhn ist dem musikalischen Leiter Kuhn unterlegen. Das wird in der „Trilogia“ szenenweise ernüchternd spürbar: In „Rigoletto“, wenn der Herzog aus Freude über Gildas Nähe herumhüpft wie Rumpelstilzchen; in „Il Trovatore“, wenn mit stangenschwenkenden Soldaten Ironie erreicht werden soll; in „La Traviata“, wenn bei Floras Fest der ungelenke Chor erbärmlich agiert. Da prallt Kuhns Regiehandwerk hart an die Grenzen und der schwierige Geselle Humor rächt sich. 22 ins Publikum gestreckte Chorherren-Hinterteile erheitern nicht.

Der Kern von Jan Hax Halamas tauglicher Einheitsbühne ist in tiefes Blau getaucht, da zeigen die abgestellten Sektgläser, durch die hindurch Violetta ihre große Arie wirbelt, Zerbrechliches. Seitlich Mobiliar in Weiß, in Violettas Landhaus wohnt man dann à la nature. 21 Kristallluster beleuchten die Rotlichtszene, wenn sie ihre Feste feiert. Echte Liebe hat da wenig Chancen. Man kapiert den gesellschaftskritischen Ansatz der Fête blanche, Dresscode sexy, stylish und ganz in Weiß, aber leider stimmt nur die Farbe, die Kostüme – vor allem des Chores – sind altbacken. Bei Giorgio Germont geht der weiße Frack sinnvoll auf: Der Heuchler bewegt sich in der Szene, die er verachtet. Giulio Boschetti, der Figaro des vergangenen Winters, singt ihn klangschön und kraftvoll – ein gutaussehender Widerling. Sohn Alfredo hat seine stimmlichen Vorzüge geerbt. Giordano Lucà verfügt über einen geschmeidigen, klaren Tenor, der nur hin und wieder in ein enges Vibrato gerät. Cristina Pasaroiu ist eine aufstrebende Sopranistin, zart und schön, dennoch blutjung für eine Violetta, die sie aber inklusive aller Klippen stimmlich hervorragend bewältigt. Im dritten und vierten Akt braucht sie noch Reifezeit, um zu bewegen. Als Flora ist Emily Righter, als Annina Anna Lucia Nardi, als Dottor Grenvil Yasushi Hirano gut eingesetzt, angemessen agieren Patrizio Saudelli, Frederik Baldus, Ezio Maria Tisi und der Chor.

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