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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 14.07.2013

Bayreuth läuft sich warm

Denkwürdiges und Merkwürdiges zum Wagner-Wahn: Am 25. Juli starten die Bayreuther Festspiele, noch hat die oberfränkische Stadt den Charme einer großflächigen Baustelle.

Von Jörn Florian Fuchs

Bayreuth – Das Schlimmste ist die Fußmatte! „Hier arbeitet ein Wagnerianer“ steht da und man soll seine schmutzigen Schuhe drauf abstreifen. Wer, bitte, kommt auf solch eine Idee? Allerdings ist die Sache mit dem Pappkartonkopf auch nicht wirklich besser. In einigen Schaufenstern sieht man Puppen mit wallenden Kleidern und einem Karton über dem Schädel, auf der Pappe steht „Da steckt Wagner drin!“. Aha.

Auch sonst hat das Bayreuther Stadtmarketing ganze Arbeit geleistet. Man tritt in ein neues, schickes Besucherzentrum, um dort zu erfahren, dass Markgräfliches Opernhaus und Wagner Museum Villa Wahnfried im Jubeljahr geschlossen sind. Haus Wahnfried wird gerade umfassend renoviert und bekommt einen Erweiterungsbau, einige Anwohner protestieren dagegen. Eigentlich hätte man die zusätzlichen Räumlichkeiten gut im Bürotrakt neben dem Haupthaus einrichten können, doch hier saß Hitler einst gemütlich am Kamin und Museumschef Sven Friedrich wollte und will keinen Tourismus von rechts außen – durchaus verstehbar. Auf der Wahnfried-Baustelle gibt es dennoch bald eine Wagner & König Ludwig-Ausstellung, die vorher auf Herrenchiemsee zu sehen war und vor der Verschrottung noch eben Halt in Oberfranken macht.

Überhaupt scheint Bayreuth derzeit ein einziger Sanierungsfall. Überall liegen Rohre herum, werden Stromkabel neu verlegt, sind Straßen gesperrt. Der von Lärm und Staub Gestresste zieht sich alsbald auf den Grünen Hügel zurück, um sich im Schatten des Festspielhauses zu erholen. Eigentlich wirkte dieser Bau ja schon immer wie eine Attrappe. Doch im Moment ist der Schwindel Programm. Das prächtige Portal? Nur ein Abbild! Die Seiten? Bemalte Wände! Man renoviert auch hier zu Wagners 200. Geburtstag, weil es überall bröckelt und Festival-Leiterin Katharina Wagner mal fast von einem Stück Mauer erschlagen ward. Drinnen probt unterdessen Regieberserker Frank Castorf den „Ring“, es werde um brennende Ölfelder, Ökofaschismus und das Ende des Kapitalismus gehen, mutmaßt ein Kenner.

Doch bevor um den Ring gekämpft wird, der Fliegende Holländer (in Jan Philipp Glogers matter Regie vom letzten Jahr) wieder segelt, Hans Neuenfels erneut seinen „Ratten-Lohengrin“ auf die Wagnergemeinde loslässt sowie Sebastian Baumgartens skulpturaler „Tannhäuser“ sicher wieder für Buhs sorgt, strömen Hartgesottene erstmal in die Oberfrankenhalle. Wo sonst volkstümliche Musik erklingt oder Basketball gespielt wird, steht jetzt tatsächlich der leibhaftige Christian Thielemann am Pult des Leipziger Gewandhaus Orchesters. Man gibt Wagners Jugendsünde „Rienzi“, ein blechlastiges, uneinheitliches Gewirk, das Hitler ganz besonders liebte. Robert Dean Smith, einstiger Recke auf dem Grünen Hügel, wirbt nun hier als Volkstribun um Anerkennung. Das Opernvolk wird ihn am Ende verlassen, das Publikum spendet indes braven, obgleich nicht übermäßigen Applaus. Smith macht seine Sache passabel, ihn überragen jedoch die fantastische Daniela Sindram (als Adriano) sowie Jürgen Kurth (Orsini). Thielemann gibt zügige Tempi vor, dank großer Striche vergeht der Abend recht kurzweilig. Da kaum Bühnentechnik existiert, beschränkt sich Regisseur Matthias von Stegmann aufs (im Großen und Ganzen gelungene) Arrangement der Szenen – ein paar eher überflüssige Videos inklusive. Tags drauf folgt Wagners Versuch, ein (neues) deutsches Singspiel zu schaffen. Constantin Trinks (am Pult des Gewandhausorchesters) und Regisseur Aron Stiehl machen „Das Liebesverbot“ anfangs zum Vergnügen, nach der Pause wird’s leider orchestral unsauber und szenisch zäh. Der karnevaleske Schwank lässt noch wenig vom späteren Meisterkomponisten erahnen, doch immerhin stimmen oft Tempo und Rhythmus bei dieser Traubenzuckermusik, die sofort ins Blut geht. Was den Spaß ein wenig trübt, sind freilich die exorbitanten Kartenpreise. Hinten zahlt man 100 Euro, ganz vorn kostet der knarzende Plastiksessel gar 500 Moppen! Da mutieren sogar die Salzburger Osterfestspiele zur Billigsause.

In Kürze erwartet Bayreuth übrigens noch ganz spezielle Gäste. 500 Plastik-Wagners werden die Stadt bevölkern, aus Angst vor Diebstahl ist angeblich eine 24-Stunden-Bewachung eingeplant. Auf dass sich ja keiner ein Exemplar in seinen Garten, zu all den anderen Zwergen, stelle.