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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 29.08.2013

Salzburger Festspiele

Ein Sommer des Missvergnügens

Die Musikbilanz der Salzburger Festspiele 2013 ist weit weniger erfreulich als die wirtschaftliche.

Intendant Alexander Pereira, Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf bei der Abschluss-Pressekonferenz in Salzburg. Foto: APA/Neumayr

© APA Intendant Alexander Pereira, Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf bei der Abschluss-Pressekonferenz in Salzburg. Foto: APA/Neumayr

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Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Ende August schlägt gewöhnlich das Wetter um und es herbstelt ein wenig, sowohl im konkreten wie im übertragenen Sinne, denn rund um Salzburg beginnen unter dem Titel „Bauernherbst“ zahllos­e Veranstaltungen, die auf schön­e Weise Brauchtum und Kulinarik verbinden. Auch die Festspiele laufen langsam aus, wenn man vom Festspielball absieht, den Alexander Pereira als späten, künstlerisch eher zu vernachlässigenden Höhepunkt erfunden hat.

Spätestens wenn die herausgeputzten Paare durch die nun von Bühnenbildern befreiten Festspielhäuser sausen, darf man wohl fragen: War dieser Sommer groß? Aus Sicht des Musikkritikers ist die Frage leider eher zu verneinen. Im Schulzeugnis-Jargon hieße es wohl: Man hat sich bemüht. Immerhin. Denn die Einladung an über 1000 Kinder und Jugendliche aus Venezuela („El Sistema“) zählte zu den künstlerisch wie pädagogisch wertvollen Dingen. Ebenso die vor den großen Premieren veranstaltete „Ouverture spirituelle“. Auch Daniel Barenboims West Eastern Divan Orchestra reüssierte an der Salzach, mit einem allerdings kurz zuvor schon in Luzern präsentierten Programm, das zwei ganz besondere Novitäten enthielt: ein Auftragswerk des Palästinensers Saed Haddad und eines der Israelin Chaya Czernowin. Beide Stücke hatten Klasse. Im Bereich neuer Musik gab es ansonsten eher Merkwürdiges, der Zwölf-Stücke-Marathon „Beyond Recall“ wurde zum Flop, vielen der unter dem Stichwort „Salzburg contemporary“ veranstalteten Konzerte fehlte es an Dramaturgie, herausragend waren aber zwei Uraufführungen des Japaners Toshio Hosokawa. Seine „Klage“ brachten das NHK Symphony Orchestra aus Tokio (unter dem wunderbaren Charles Dutoit) und die Sopranistin Anna Prohaska zur Uraufführung. Hosokawa vertonte unter anderem einen Text von Georg Trakl, den Komponist inspirierten aber auch die Opfer des Erdbebens von Tohoku im Jahr 2011. Hosokawa geht es um Heilung durch ein musikalisch schamanistisches Ritual. Wie auch immer man dazu stehen mag, das Hör­ergebnis ist atemberaubend. Im übrigen Konzertangebot gab es eine bunte Mischung mit Schwerpunkten auf Mahler, Wagner und Verdi.

Die beiden Jubilare (Verd­i und Wagner wurden beide 1813 geboren) durchzogen auch das Opernprogramm. Wagners „Meistersinger“ war die wohl interessanteste Neuproduktion, Stefan Herheim schuf eine ins Riesenhafte vergrößerte Schusterstube und bevölkerte sie mit tiefgründigen Charakteren sowie irrlichternden Märchenfiguren. Verdis „Don Carlo“ wurde unter Peter Steins Anleitung zum leerlaufenden History-Bildertheater, Mozarts „Così fan tutte“ missglückte dem Salzburger Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf völlig.

Eher problematisch auch Harrison Birtwistles Mythenspektakel „Gawain“, den mit sich und der Welt hadernden Ritter schloss Alvis Hermanis mit dem selbst erklärten Weltenerlöser Joseph Beuys kurz. Immerhin gelang Ingo Metzmacher am Pult des ORF Orchesters Großartiges, während die Wiener Philharmoniker bei „Carlo“ durchwachsen (solide: Antonio Pappano), bei den „Meistersingern“ arg krawallig (wild gestikulierend: Daniele Gatti) und bei der „Così“ (hilflos: Christoph Eschenbach) kaum mehr rezensierbar waren. Ach ja, fast hätten wir noch den „Falstaff“ vergessen, Damiano Michieletto versetzt­e den trunksüchtigen Bonvivant kurzerhand in das vom Komponisten gestiftete Altenheim Casa Verdi, am Pult der Philharmoniker führte Zubin Mehta souverän durch den Abend. Als Übernahmen von der Mozart­woche beziehungsweise den Pfingstfestspielen gab es einen belanglosen „Lucio Silla“ mit dem recht überforderten Rolando Villazón, aber auch eine „Norma“ mit einer formidablen Cecilia Bartoli.

In der kommenden Saison schickt Alexander Pereira erneut diverse ältere Recken ins Rennen, Nikolaus Harnoncourt und Peter Stein widmen sich Schuberts mit gutem Grund kaum szenisch aufgeführtem „Fierrabras“, Harr­y Kupfer und Zubin Meht­a stemmen den „Rosenkavalier“. Vielleicht sollte man das Ganze „Old Directors Project“ nennen.

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