09.02.2012
International

Wurzeln im Widerspruch

Gerhard Richter, einer der bedeutendsten deutschen Maler der Gegenwart, ist 80 Jahre alt. Berlin zeigt aus diesem Anlass das breite „Panorama“ seines Schaffens.
Gerhard Richter vor seinem Motiv-Archiv: Fotografien, Skizzen, Zeitungsausschnitte und Entwürfe, die in Dresden gezeigt werden.Fotos: EPA/Burg, Richter
Foto: dapd
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Gerhard Richter – Leben und Werk

Geboren am 9. Februar 1932 als Sohn eines Lehrers und einer Buchhändlerin in Dresden. Studium an der Hochschule für bildende Künste Dresden. 1957 heiratet er Marianne „Ema“ Eufinger (Scheidung 1982), 1961 Flucht in den Westen. 1964: erste Ausstellungen in München und Düsseldorf, Professur an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf ab 1971. Vertritt Deutschland auf der Biennale in Venedig 1971, zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Praemium Imperiale, Tokio 1997.

Kunstmarkt-König. Ein Bild aus der Kerzen-Serie von 1981 wird 2011 in London für mehr als 12 Mio. Euro versteigert, das andere 2008 ebenfalls in London für 10,5 Mio. Euro. „Abstraktes Bild (710)“ von 1989 erzielt 2008 in New York 12 Mio. Euro. Die „Zwei Liebespaare“ von 1966 erzielten 2008 in London knapp 10 Mio. Euro.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Als im Oktober 2011 ein Bild aus seiner „Kerzen“-Serie von 1982/83 in London für umgerechnet rund 12 Millionen Euro versteigert wird, kommentiert Gerhard Richter das mit Unbehagen: „Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise – unverständlich, albern, unangenehm.“ Doch nicht erst mit dieser Auktion ist Richter zu einem der teuersten Maler der Gegenwart weltweit avanciert. Warum eigentlich? Richters „Kerzen“ gelten als Symbol für den schweigenden Protest der DDR-Bürger gegen das Regime, abgesehen davon sind sie auch ein Beispiel dafür, wie der deutsche Maler alte Genres wiederbelebt hat: Darunter neben Stillleben auch Landschaften, Porträts und Akte – der wohl berühmteste ist „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966, ein Porträt von Richters erster Frau Marianne Eufinger. Zur Zeit seiner Entstehung ein echtes Ärgernis: als rückschrittlich empfunden, den Bemühungen abträglich, die Malerei und die Kunst überhaupt voranzubringen, zum Beispiel mit dem Informel, der Aktionskunst oder wenigstens der Pop-Art, also völlig vorbeigemalt an allen Trends und Moden.

Diese Sicht der Dinge hat sich inzwischen freilich geändert: Richter gilt heute vielmehr als ein Neuerer, wenn nicht gar Retter der Malerei und zugleich als einer, der dem Zeitstrom stets konsequent widersprochen hat. „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen ... ich mag das Unbestimmte und Uferlose und die fortwährende Unsicherheit“, ist eine viel zitierte Aussage des Malers, dem ab diesem Sonntag, fast pünktlich zu seinem 80. Geburtstag am heutigen 9. Februar, eine umfassende Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gewidmet ist. Es ist die zweite Station der Schau „Panorama“, die zuvor bereits die Londoner Tate Modern gezeigt hatte.

Geboren 1932 in Dresden, ist Gerhard Richter 1961 aus der DDR in den Westen geflohen, dort setzte er sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie fort. Und hat sich, wie er Tate-Direktor Nicholas Serota im Interview erzählte, gewundert, dass er morgens um acht der Einzige war, der schon da war und gearbeitet hat. Bis zu acht Bilder gleichzeitig malt Gerhard Richter heute, in den 1960er Jahren beginnt seine Karriere mit dem Ausloten der Grenzen zwischen scheinbarer Objektivität und realismussuchender Illusion: Auf Grundlage von vorgefundenen Fotografien sowie solchen aus Zeitschriften malt Richter verwischte, dadurch diffus wirkende Gemälde, sie zeigen Privates, aber auch Politisches wie beim RAF-Zyklus von 1988, bei dem Richter die toten Täter der Baader-Meinhof-Gruppe von Polizei- und Pressefotos abmalt.

Auf einen Stil festlegen ließ sich Richter allerdings nie: Da, wie in den Seestücken, das Anknüpfen an die Romantik, dort die Hinwendung zur Abstraktion, zuerst im Monochromen, mit Abschabungen und Abkratzen der Farbflächen, dann auch im Farb- und mitunter im Ordnungsrausch. Das „Panorama“ zeigt Gerhard Richter in all seinen Facetten und vor allem eines: Das Konstante liegt bei ihm im Widerspruch.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 09.02.2012
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