Jahrhundert-Ereignis: Zehntausende blickten in die Sonne
Sydney/Manila/Wien - Zehntausende Menschen haben am Mittwoch in der Früh fasziniert ein Himmelsspektakel verfolgt, das erst in 105 Jahren wieder zu sehen sein wird. Mit Schutzbrillen ausgestattet verfolgten sie die Passage der Venus vor der Sonne. Der Planet war in zunächst in Amerika, Ostasien, Australien und Neuseeland als keiner schwarzer Punkt vor der riesigen Sonnenscheibe zu sehen.
Wenige Minuten nach Sonnenaufgang um zirka 5 Uhr Früh war das Schauspiel auch in Österreich zu beobachten. Während in Wien fantastische Sicht herrschte, zeigte sich die Sonne in Innsbruck nur kurz, bevor sie wieder hinter einem Wolkenband verschwand. Die Venus befand sich genau zwischen Sonne und Erde und zeichnete sich deutlich als kleine, schwarze Scheibe im oberen Drittel der Sonne ab.
Nächste Venuspassage erst in 105 Jahren
„Das letzte Mal in unser aller Leben“, sagte der Wiener Astronom und Volksbildner Hermann Mucke unter Hinweis darauf, dass der nächste Venusdurchgang erst wieder in 105 Jahren stattfinden wird. Auf der Aussichtsplattform des Flakturms im Esterhazypark in Wien-Mariahilf hatte Mucke gemeinsam mit Dutzenden Mitgliedern des Wiener Astronomischen Vereins und Interessierten den erhöhten Standort genutzt, um einen guten Blick auf die noch tiefstehende Sonne zu bekommen. Mit Teleskopen und Kameras, abgeschirmt mit Spezialfolie, sowie mit Sonnenfinsternisbrillen und unter Anleitung und Kommentaren beobachteten und dokumentierten sie das seltene Himmelsschauspiel.
Von Österreich aus waren bei freier Sicht nur die letzten 1,5 Stunden des Venusdurchgangs zu sehen. Den vollen Verlauf konnte man diesmal nur im westlichen Pazifik, in Ostasien, der östlichen Hälfte Australiens und in der gesamten Arktis beobachten.
Großes Spektakel in aller Welt
Das kosmische Schauspiel begann für Himmelsgucker in Amerika am Abend Ortszeit (Mitternacht MESZ) und wurde von Astronomie-Begeisterten in wolkenfreien Gegenden in Nord- und Mittelamerika sowie im nördlichen Teil Südamerikas verfolgt. In zahlreichen Universitäten und Observatorien wurden dazu Leinwände aufgestellt und Vorträge gehalten
In der philippinischen Hauptstadt Manila verzogen sich Dunstschwaden kurz nach Sonnenaufgang und machten einen klaren Blick auf die Sonne frei. In Melbourne hatten sich Regenwolken kurz vor Sonnenaufgang aufgelöst. In zahlreichen Städten hatten astronomische Gesellschaften öffentliche Beobachtungsstationen eingerichtet. In Manila standen in einem Park zehn Teleskope bereit. „Wir haben Glück, in einen Zeitalter geboren zu sein, wo wir dies beobachten können“, sagte der Direktor des philippinischen Instituts für Astronomie, Armando Lee. Er hatte extra seinen sechsjährigen Sohn mitgebracht, um das in seinem Leben einmalige Phänomen zu sehen.
In Hongkong hatten sich tausende Menschen freigenommen, um Venus vor der Sonne zu beobachten. Das Weltraummuseum stellte Teleskope für die Öffentlichkeit auf. „Chinesen sind immer schon an solchen Himmelsphänomenen besonders interessiert gewesen“, sagte Chau Hoi Fung, Astrophysiker an der Universität von Hongkong. „Wir haben sehr detaillierte Aufzeichnungen. Die chinesischen Kaiser glaubten früher, dass ihre Herrschaft von den Sternen vorbestimmt ist.“
Die Astronomische Gesellschaft im australischen Bundesstaat Victoria war begeistert. „Wir dachten zuerst, es wird schwierig, aber dann wurde der Himmel wie auf Kommando klar, die Sonne ging auf und Venus begann vorbeizuziehen“, sagte Sprecher Perry Vlahos Reportern in Melbourne.
Planetenbewegung ergibt eigenartigen Rhythmus
Die Venuspassage dauert mehr als sechs Stunden. Ein Venustransit findet nur etwa 20 Mal pro Jahrtausend statt. Der Grund für die Seltenheit ist die Bahnebene der Venus, die um mehr als drei Grad gegenüber jener der Erde geneigt ist. Deshalb zieht die Venus - von der Erde aus gesehen - meist oberhalb oder unterhalb an der Sonne vorbei. Nur wenn die Venus (Umlaufzeit um die Sonne: 225 Erdentage) die Erde (Umlaufzeit: 365 Tage) ganz nahe an der Schnittlinie der beiden Bahnebenen überholt, kann es zu einem Venusdurchgang kommen.
Wegen der komplizierten Planetenbewegungen ergibt sich ein eigenartig anmutender Rhythmus: Die Venusdurchgänge finden meist paarweise im Abstand von acht Jahren statt, dann ist wieder eine Pause von mehr als 100 Jahren. So war der letzte Venusdurchgang 2004 zu sehen, der nächste lässt bis 2117 auf sich warten, wird allerdings von Mitteleuropa aus nicht zu sehen sein, weil hier zu dieser Zeit gerade Nacht sein wird. (APA/dpa/AFP)
aktualisiert: Mi, 06.06.2012 07:38




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