Grausame Stunden der Angst

Siders, Brüssel – Die unerträgliche Ungewissheit zog sich über Stunden. Die Eltern der rund 45 Kinder, die sich im Bus befunden hatten, wurden gegen Mittag von den Schulen zu einem Militärflughafen in Melsbroek gebracht. Dort empfing sie ein „zutiefst geschockter“ König Albert II. Mit einem Airbus flogen dann insgesamt 116 Angehörige in Richtung Schweiz, wo sie am Nachmittag zunächst in Genf landeten. Einige von ihnen hatten bereits einen erlösenden Anruf von ihrem Kind bekommen. Für viele jedoch war immer noch unklar, ob ihr Sohn oder ihre Tochter eines der schwersten Busunglücke in der Schweizer Geschichte überlebt hat oder unter den 22 zwölfjährigen Todesopfern ist.

Allein von 17 Schülerinnen und Schülern der Schule „‘t Stekske“ in Lommel fehlte bis zum Abflug der Angehörigen noch jegliche Information. Insgesamt befanden sich 22 Schüler und zwei Lehrkräfte dieser Schule in dem Bus. „Fünf Kinder haben inzwischen mit ihren Eltern Kontakt aufgenommen“, sagte Kris Ver­dyuckt, Mitglied des Stadtrats von Lommel. Sicher ist, dass die beiden Lehrkräfte ums Leben gekommen sind. „Wir haben von den Verantwortlichen der Schule in Heverlee gehört, dass 16 ihrer Kinder verletzt wurden“, erklärte Verduyckt. Nach Angaben Verdyuckts schickte die Schule Fotos der verunglückten Schüler in die Schweiz, um bei der Identifizierung der Opfer zu helfen. Die belgische Polizei entsandte zudem Spezialisten in die Schweiz. Die Identifizierung sei „sehr mühsam“, hieß es. Drei Schüler lagen gestern im Koma. Niemand der überlebenden 24 Menschen hat das Unglück unverletzt überstanden.

Nur 30 Minuten lagen zwischen der fröhlichen Abfahrt nach einem schönen Skiurlaub im malerischen Bergferienort Saint-Luc und dem A9-Tunnel bei Siders, zwischen Leben und Tod für 22 Mädchen und Buben, zwei Busfahrer und vier erwachsene Betreuer. Kurze Zeit später: ein zerfetzter Bus, Kinderkleider auf der Fahrbahn und Helfer mit Tränen in den Augen.

Die etwa Zwölfjährigen aus zwei Schulen in den flämischen Orten Heverlee und Lommel – darunter auch neun niederländische Kinder – sind Dienstagabend auf der Rückreise von ihrem Skiurlaub im Wallis. In einem Tunnel der Autobahn A9 kommt der Bus gegen 21.15 Uhr nach rechts ab, überfährt die Fahrbahnbegrenzung und rammt frontal die Betonmauer einer Nothaltebucht. Der Aufprall ist von extremer Wucht, vom Reisebus bleibt nur ein zerfetztes Wrack übrig. Beide Fahrer sind unter den Todesopfern. Die Rettungskräfte berichten von „schockierenden Szenen“. Die Polizei spricht von einer „nie dagewesenen Tragödie“.

In der Heimat der Kinder versammeln sich am Morgen Mitschüler und Angehörige vor den Schulen in Heverlee nahe Brüssel und in Lommel an der niederländischen Grenze. Weinend liegen sich die Menschen in den Armen.

Die Ursache des Unglücks ist noch unklar. Übermüdung des Fahrers schlossen die Ermittler als Ursache aber schnell aus: Der Bus war erst 20 Minuten unterwegs und die Fahrer waren bereits am Vortag in der Schweiz eingetroffen. (dpa, APA, sta)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 15.03.2012

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Publiziert am:
Do, 15.03.2012
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