31.08.2010
Gesundheit

Tiere lieben und Fleisch essen

100 Kilo Fleisch werden jährlich in Österreich pro Kopf konsumiert. Doch was wissen wir eigentlich über die Tiere, die wir essen? US-Autor Jonathan Safran Foer hat sich in seiner Heimat schlaugemacht. Und ist jetzt Vegetarier.
Fleischkonsum ist längst auch ein Umweltfaktor. Die weltweite „Tierproduktion“ ist für 18 Prozent aller vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.Fotos: EPA, Kiwi
Infobox

Buch und Autor

Jonathan Safran Foer studierte in Princeton Philosophie. International bekannt wurde er mit seinen beiden Romanen „Alles ist erleuchtet“ und „Extrem laut und unglaublich nah“. Er lebt in New York.

„Tiere essen“ ist ein persönlich gefärbtes Sachbuch, das nicht jeden Leser zum Vegetarier machen wird, aber sicher zum Nachdenken über den persönlichen Fleischkonsum anregt. Erschienen ist das Buch bei „Kiepenheuer & Witsch“, 352 Seiten, 20,60 Euro.

Von Christian Willim

Innsbruck – Jonathan Safran Foer war es immer wieder mal – wenn auch nie in letzter Konsequenz: Vegetarier. Doch die Geburt seines Sohnes wurde zu einem Schlüsselerlebnis für den amerikanischen Schriftsteller, der durch seinen Roman „Alles ist erleuchtet“ international bekannt wurde. Foer wollte wissen, welche Ernährung für sein Kind die beste ist und ob er ihm Fleisch zu essen geben sollte oder besser nicht, wo das Fleisch herkommt und wie die Tiere leben, bevor sie zur Schlachtbank geführt werden. Das Ergebnis von drei Jahren Recherche ist „Tiere essen“ – ein Sachbuch, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn. Der Autor nimmt einen mit auf eine Reise, zu der persönliche Geschichten ebenso gehören wie auch unzählige Fakten über die Fleischproduktion in den USA, den Konsum tierischer Lebensmittel weltweit und die ökologischen Folgen dieses Kreislaufs.

Eine Zahl zieht sich dabei durch das ganze Buch und wird beinahe mantraartig immer wieder erwähnt: 99 Prozent des in den USA produzierten Fleisches stammen laut Foer aus Massentierhaltung. Und wie die funktioniert, macht wenig Appetit auf Steaks und Schweinebraten. Um an Informationen zu kommen, schreckte der Autor auch nicht davor zurück, in Geflügelfarmen einzusteigen. Detailliert beschreibt der 33-Jährige die Leiden von Puten, Hühnern, Schweinen und Rindern – in der Haltung und beim Schlachten.

An der industriellen Fischerei lässt Foer ebenfalls kein gutes Haar und erläutert den Wahnsinn moderner Fangmethoden an plakativen Beispielen: „Ein durchschnittlicher Garnelenkutter wirft 80 bis 90 Prozent der Meerestiere, die er fängt, tot oder sterbend über Bord. (Dieser Beifang besteht zu einem Großteil aus gefährdeten Arten.) Garnelen machen, auf das Gewicht bezogen, nur zwei Prozent der Meerestiere aus, die weltweit zur menschlichen Ernährung gefangen werden, die Garnelenfischerei ist allerdings weltweit für 33 Prozent des Beifangs verantwortlich.“

Die Frage, ob der Mensch überhaupt Fleisch essen muss, ist für den Bestsellerautor schnell beantwortet: „Vegetarismus ist mindestens so gesund wie eine Ernährung mit Fleisch“, folgert Foer nach etlichen Gesprächen mit führenden Ernährungswissenschaftern. „Tiere essen“ beschäftigt sich aber auch mit den wenigen Betrieben in den USA, die nicht den Weg großer Konzerne beschreiten und den Tieren, die sie halten, ein möglichst artgerechtes Leben zu ermöglichen versuchen. Foer zwingt niemandem den Vegetarismus auf. Für einige wird sein Buch wohl den Anstoß zu dieser Ernährungsform geben. Für ihn steht jedoch fest: „Wenn es uns mit dem Beenden der Massentierhaltung wirklich ernst ist, dann ist das Allermindeste, was wir tun können, den schlimmsten Tierquälern kein Geld zu geben.“ Und das sind für Foer jene Betriebe, die Nutztierhaltung in eine Industrie verwandelt haben.

Doch für den österreichischen Leser stellt sich schlussendlich die Frage, wie sehr die US-Verhältnisse auf die heimische Landwirtschaft umzulegen sind. Immerhin wird von Foer darauf hingewiesen, dass es Tieren in deutscher Massentierhaltung nicht viel besser ergeht als in amerikanischer. „In Österreich ist im Gegensatz zu Deutschland und den USA aber zumindest die Haltung jeder einzelnen Tierart durch das Tierschutzgesetz geregelt. Das garantiert zumindest gewisse Mindestanforderungen, die aber, bei den verschiedenen Tierarten in unterschiedlichem Ausmaß, noch deutlich verbesserungswürdig sind“, weiß Sabine Hartmann von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ in Wien.

Eine Insel der Seligen ist Österreich deshalb trotzdem nicht, auch wenn die Nutztierhaltung hierzulande bei Weitem nicht die Dimensionen erreicht hat wie in den USA, wo Zehntausende Tiere auf engstem Raum leben müssen. „Der Begriff der Massentierhaltung ist aber irreführend. Dem einzelnen Schwein ist es egal, ob es auf engstem Raum mit 300 oder 30.000 anderen Tieren gehalten wird“, gibt Univ.-Prof. Josef Troxler, Leiter des Instituts für Tierhaltung und Tierschutz an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, zu bedenken. Vielmehr sei die Frage, ob von Bauern eine Intensivtierhaltung praktiziert werde. „Und die hat in Österreich etwa bei der Schweinefleischproduktion, aber auch beim Mastgeflügel inzwischen einen sehr hohen Anteil erreicht“, so Troxler.

Im Gegensatz zur extensiven Tierhaltung werde bei der intensiven auf bestimmte Leistungsziele hingezüchtet. Und das würde für die Tiere mit Schäden und Schmerzen einhergehen. Sowohl Troxler als auch Hartmann nennen hier Puten als Beispiel. Die seien derart auf große Brustmuskeln getrimmt, dass sie oft nicht einmal mehr gehen können.

Genau diese Züchtungen machen es auch Landwirten schwer, die auf eine artgemäße Haltung setzen wollen. Es fehlt mittlerweile oft einfach an Tieren, die dazu geeignet sind. Die Bauern haben jedoch noch mit einem anderen Problem zu kämpfen: „Viele wären willens, es anders zu machen. Dazu brauchen sie jedoch garantierte Absätze“, erklärt Hartmann. Denn tierfreundliche Haltung bedeutet auch höhere Kosten für den Produzenten und somit höhere Fleischpreise. Hier ist demnach der Konsument am Drücker. Und er hat Alternativen. So garantiert etwa „Bio“, dass die Tiere mehr Platz haben als bei konventioneller Haltung und oft auch Auslauf bekommen. Und selbst wenn Fleisch nicht „Bio“ ist, gibt es inzwischen Produktkonzepte, die Wert auf artgemäße Haltung legen, sieht Hartmann einen positiven Trend, den es zu unterstützen gelte.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 31.08.2010
Vorteilszone
Partyfotos
Gewinnspiele
Parship
radio.at
Unterkunftssuche
Panoramabilder
Panoramabilder
"HEISZE TASTEN"
Panoramablick
AGB Kontakt Impressum