Osteuropa: „Krisenängste von 2009 haben sich nicht bewahrheitet“
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Die Pleite von Lehman-Brothers liegt nun zwei Jahre zurück. Die Bilanz der Krise fällt für Osteuropa zwiespältig aus. Foto: EPA
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Von Ulrich Krökel
Warschau - Vor allem den Deutschen müsse man weiter die Daumen drücken, mahnte am Dienstag der polnische Publizist Pawel Czurilo. Der Wirtschaftsexperte bezog sich damit auf die Wachstumsprognose der EU-Kommission, die der Bundesrepublik am Tag zuvor goldene Zeiten prophezeit hatte.
Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um 3,4 Prozent zulegen, hieß es in Brüssel. Das sei auch für Polen eine gute Nachricht, argumentierte Czurilo, denn „mehr als 20 Prozent unserer Exporte finden inzwischen den Weg über die Oder“.
Doch die Abhängigkeit ist keine Einbahnstraße. Im deutschen Handel mit Osteuropa zeichnen sich für 2010 zweistellige Zuwachsraten ab. „Jetzt zahlt sich aus, dass wir auch in der tiefsten Krise an unserem Engagement in der Region festgehalten haben“, urteilt der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold.
Krise? Von Niedergang mag in der Ökonomen-Zunft kaum jemand mehr reden. Dabei ist es auf den Tag genau erst zwei Jahre her, dass der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds führte.
Mehrere europäische Länder entgingen nur dank internationaler Milliardenhilfe der Staatspleite, allen voran Island und Griechenland. Doch auch den Osten des Kontinents traf es hart. Nur fünf Jahre nach der EU-Erweiterung zeigte sich, wie eng die europäischen Volkswirtschaften bereits miteinander verflochten sind.
Ungarn, Lettland und der Ukraine drohte die Insolvenz. Rumänien taumelte, und selbst im Musterland Slowenien, das 2007 der Euro-Zone beigetreten war, brach das Wachstum um fast acht Prozent ein. Die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU schnürten milliardenschwere Rettungspakete.
Mit Erfolg, wie Tessen von Heydebreck vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft bilanziert: „Die Krisenängste von Anfang 2009 haben sich nicht bewahrheitet.“ Die Volkswirte der stark in Osteuropa engagierten Unicredit-Bank prognostizieren für die Region ein Wachstum von 2,5 Prozent im Jahr 2011.
Doch ist wirklich schon wieder alles Gold, was da im Osten des Kontinents glänzt? „Keineswegs“, warnt Andreas Männicke, Herausgeber des Börsenbriefs „East Stock Trends“. Vor allem sei es „ein Fehler, Osteuropa als einheitliches Gebilde zu sehen“.
So habe Polen dank eines starken Binnenmarktes ebenso gute Perspektiven wie Tschechien mit seiner gesunden industriellen Basis. Das hoch verschuldete Ungarn und das inflationsgeplagte Rumänien dagegen seien noch längst nicht über den Berg. Auch die Ukraine stehe weiterhin auf der Kippe. Das rohstoffreiche Land verfüge zwar über ein großes ökonomisches Potenzial, so Männicke. Allerdings könne Kiew finanziell nur am Tropf des IWF und der EU überleben.
Erfolgsmodell Estland
In dieser Situation hängt viel von der politischen Entwicklung in den einzelnen osteuropäischen Ländern ab. Das kleine Estland etwa hat sich in den vergangenen zwei Jahren eine finanzpolitische Rosskur verordnet.
So kürzte die Regierung die Leistungen für Staatsbedienstete um rund 30 Prozent - ohne dass es zu nennenswerten Protesten gekommen wäre. Die Folge: Tallinn erfüllt alle Maastricht-Kriterien und kann zum 1. Januar 2011 den Euro einführen. Das Gegenbeispiel ist Ungarn.
Dort führte der unvermeidliche drastische Sparkurs die regierenden Sozialisten direkt in ein Wahldesaster. Der neue rechtskonservative Ministerpräsident Viktor Orban aber ließ die Verhandlungen mit dem IWF über weitere Finanzhilfen platzen. Die geforderten zusätzlichen Sparanstrengungen lehnte er brüsk ab. Nun droht dem Land eine Kreditklemme, die den wieder angesprungenen Konjunkturmotor abzuwürgen droht.
Wirtschafts- und finanzpolitisch mischen sich im Osten Europas derzeit Licht und Schatten. Das weiß auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie lässt keine Gelegenheit aus, um die Defizitsünder in der Region zu mehr Haushaltsdisziplin zu ermahnen.
Entsprechende Appelle werden von der Kanzlerin auch beim bevorstehenden EU-Sondergipfel erwartet. Am Donnerstag kommen die 27 Staats- und Regierungschefs in Brüssel zusammen. Dort wollen sie unter anderem über die Folgen der Euro-Krise beraten.
Und zumindest der polnische Publizist Czurilo schloss sich der Kanzlerin gestern an: „Wir sollten auch ein Sparpaket schnüren. Die wirtschaftlichen Daten geben Deutschland recht.“ (dpad)
aktualisiert: Do, 03.03.2011 16:50


