Auch österreichische Helfer müssen um ihr Territorium kämpfen
Port-au-Prince – Christian Wagner steht seit Stunden gebückt unter heißem Wellblech, rund um ihn Schutt und Elend, der Schweiß tropft von seiner Stirn in den Staub, vor ihm tiefe Fleischwunden, die bis auf die Knochen reichen. Er zupft, tupft, schmiert, injiziert und dokumentiert in einer Tour. Dass er seine freiwillige Tätigkeit als Notfallsanitäter in Haiti überhaupt ausüben kann, verdankt er der Flexibilität und Mobilität seines kleinen Teams. Denn im Katastrophengebiet rund um Port-au-Prince und Leogane herrscht unter den NGOs ein regelrechter „Kampf“ um die Territorien.
Den „Claim“ abstecken, das war eigentlich das erste Ziel der Fünfermannschaft des Arbeitersamariterbundes (ASBÖ). Seit der Ankunft am Flughafen von Haitis devastierter Millionenmetropole ist dem bescheidenen Grüppchen aus Wien klar: Die Sache mit dem Helfen würde nicht leicht werden. Sie sollten recht behalten. Zerstörte Straßen, Anarchie, Chaos, am Boden schlafen - reine Routine, kein Problem.
Das Geschäft mit dem Elend
Doch niemand konnte mit der Armada an NGOs rechnen, die über Haiti hereingebrochen ist. Allen voran die „Global Player“ wie Rotes Kreuz, UNO, US-Armee, die Kanadier und Japaner mit ihren riesigen Feldhospitälern und eigenen Soldaten, die Ärzte ohne Grenzen. Im Schlepptau geschätzte 900 kleine Organisationen, oft nur ein paar Mann stark. „Tatsache ist: Mit Elend und Not wird heutzutage weltweit ein Riesengeschäft gemacht. Daher kann unser Weg nur die Hilfe von Mensch zu Mensch sein“, ist sich Wagner seiner Situation durchaus bewusst.
Die einzige Möglichkeit für die Arbeitersamariter, ein eigenes Gebiet zu ergattern, auf dem sie ungestört arbeiten können, war, eines auszukundschaften. Mit gemieteten Jeeps und einheimischen, also ortskundigen Chauffeuren ging es sprichwörtlich über Stock und Stein, jedes noch so kleine Dorf wurde anvisiert und via GPS markiert. Jede noch so kleine Chance musste unbedingt genutzt werden.
Dass Christian Wagner und seine vier Team-Mitglieder nun triefend vor Schweiß in einem namenlosen Bergdorf irgendwo weit abseits von Leogane verbinden, verschreiben, desinfizieren, messen, impfen, schneiden und vernähen, ist das Ergebnis beinharter Assessment-Arbeit. Palmiste-a-Vine heißt der Bezirk mit 27 Ortschaften den sich die Helfer „gekrallt“ haben, jedes Dorf ist von Verwüstung und Elend gezeichnet.
„Wunden, die bei uns in Österreich unter Umständen gar keiner Behandlung bedürfen, führen hier unweigerlich zur Sepsis, vielleicht sogar zur Amputation.“ Jetzt kann sich Wagner endlich auf die Arbeit konzentrieren, Menschen treffen, die seit den verheerenden Erdstößen noch keinem Arzt begegnet waren, und so fundiert solche Expertisen erstellen.
Nun endlich ist der Rhythmus da, die Arbeit läuft: Mehr als 50 Patienten können die fünf nun behandeln, obwohl die An- und Rückreise aus Port-au-Prince täglich bis zu zweieinhalb Stunden dauert und einer immer im Basislager, wo all die Medikamente lagern, zurückbleiben muss. Das aber könnte schon bald ein Ende haben. Nämlich dann, wenn sich einer der „Global Player“ erbarmt und dem kleinen Team aus dem kleinen Österreich Unterschlupf gewährt.
(Von Andreas Tröscher, APA)
aktualisiert: Sa, 06.02.2010 08:19


