11.04.2011
Nationalteam

„Zeitweise bin ich ein Ungustl“

Österreichs Fußballteamchef Didi Constantini galt früher als Feuerwehrmann für Kurzeinsätze im Trainergeschäft. Der 55-Jährige scheint als oberster Trainer des Landes sesshaft geworden zu sein, Brände löscht er noch immer.
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Alles zu Didi Constantini und Termine:

Lebenslauf: geb.: 30. Mai 1955 in Innsbruck; verheiratet, zwei Töchter.

Aktive Karriere: Begann bei der Spielgemeinschaft Swarovski Wacker Innsbruck (1975–79/zwei Titel). 1987 Ende seiner aktiven Karriere beim Wiener Sportklub; sechs Vereins-Wechsel, 198 Spiele in der österreichischen Bundesliga/ fünf Tore.

Trainerkarriere: 1987–89 Co-Trainer von Skocik und Krankl bei Al-Ittihad (SAR), 1991 war er erstmals Interims-ÖFB-Teamchef, noch einmal 92, 93 erstmals Bundesliga-Trainer des LASK, seit 2009 Teamchef, seine 17. Trainerstation.

Constantini-Camps: Heuer in Waidring (11.–13.6.) und Mieming (10.–15.7.). Weitere Infos unter www.constantini.at.

Weitere Länderspiel-Termine des Jahres 2011: 3.6. EM-Quali gegen Deutschland, 7.6. FS gegen Lettland, 10.8. FS gegen Slowakei, 2.9. EM-Quali in Deutschland, 6.9. EM-Quali gegen die Türkei.

Von Florian Madl

Patsch – Da saß er nun, der Teamchef. Nach zuletzt zwei verlorenen Länderspielen wohl mehr gefallener Engel als gefeierter Held, auch wenn man es an diesem Nachmittag auf der Terrasse eines Patscher Gasthauses so nicht erleben konnte. Didi Constantini grüßte die Gäste, sie ihn, den Tiroler. Es bedarf offensichtlich nur einer dicken Haut und der nötigen Portion Galgenhumor, um sportliche Täler zu durchschreiten.

Von den acht Millionen selbst ernannten Teamchefs in Österreich sind Sie derjenige, der als legitimierter die meiste Kritik einsteckt. Geht das in Ordnung?

Constantini: Natürlich, ich werde genau so behandelt wie alle Teamchefs vor mir. Ich habe einige „Freunde“ dabei, die mit mir nichts reden, also werde ich von dieser Seite her sehr streng beurteilt, was auch okay ist. Und wenn man als Teamchef nichts gewinnt, ist man immer in Kritik. Das geht aber jedem Teamtrainer so. Wir sollten uns in Österreich vielleicht einmal überlegen, ob immer der Trainer die Schuld hat.

Wo ordnen Sie das Nationalteam realistisch ein?

Constantini: Realistisch haben wir noch nie eingeordnet, denn sonst würden wir uns woanders einordnen.

Auch vom Kaiser höchstpersönlich, von Franz Beckenbauer, hagelte es kürzlich Kritik am Nationalteam. Ideenlos, planlos sei man. Was hat es damit auf sich?

Constantini: Das darf man nicht so ernst nehmen, der Franz haut öfters solche Meldungen raus. Es ist so, dass wir nicht gut gespielt haben. Und dann kommt natürlich so eine Kritik, aber im Grunde verstehen wir uns gut.

An einem Ausnahmespieler wie Marko Arnautovic scheiden sich die Geister.

Constantini: Ich hab‘ ihn richtig behandelt, aber es tut weh, wenn du siehst, was der für ein Potenzial hat und das nicht abruft. Sobald er aber auf dem Spielfeld ist, hast du ihn verloren.

Angekreidet wird Ihnen auch, vor dem Belgien-Spiel (0:2, Anm.) für zu viel Euphorie gesorgt zu haben. So, als hätte man schon vor dem Anpfiff gewonnen.

Constantini: Ich muss ja die Spieler positiv stimmen. Soll ich das Gegenteil tun?

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Constantini: Jeder macht Fehler, immer. Vielleicht hätte ich in Freundschaftsspielen nicht gegen so starke Teams spielen sollen. Spanien, Niederlande, da kommen dann keine Erfolgserlebnisse. Vielleicht sollte ich auch gegen Malta, Liechtenstein und Kanada spielen.

Welche Rolle könnte ein Mentaltrainer spielen?

Constantini: Beim Scharner Pauli hat Valentin Hobel gute Arbeit geleistet, der hat 170 Premiere-League-Spiele und betreibt mit ihm sogar ein Immobiliengeschäft. Es war nur falsch, ihm zu vermitteln, er sei ein Spielmacher.

Haben Sie zuhause auch Ihre Kritiker in Person Ihrer Töchter oder Ihrer Frau? Sagen die Ihnen, welche Krawatte Ihnen bei der TV-Übertragung nicht steht?

Constantini: Ich trage ja keine Krawatte. Und außerdem schätze ich, dass das Thema Fußball zuhause nicht auf den Tisch kommt. Ich schau‘ mir ohnehin die Videos unserer Spiele an, das war zuletzt Selbstgeißelung genug.

Es heißt, die so genannte Wiener Partie stünde Ihnen besonders kritisch gegenüber. Meinungsbildner aus dem Osten, die im Hintergrund Stimmung gegen den Tiroler Constantini machen.

Constantini: Ich bin da eher der Ungustl. Wenn Kritik unter der Gürtellinie ist, rede ich mit dem betreffenden Journalisten einfach nicht mehr.

Wie beurteilen Sie das Niveau der Fußball-Journalisten in Österreich?

Constantini: Das Klima ist sicher rauer als früher, aber vor allem die älteren Redakteure halte ich für gut. Die stehen drüber und müssen nicht krampfhaft eine Geschichte produzieren.

Kommen diese „Geschichten“ nicht manchmal auch aus den eigenen Reihen?

Constantini: Klar gibt es den einen oder anderen, der im Hintergrund schimpft, das vermutet man bei manchen. Vor allem dann, wenn einer nicht spielt.

ÖFB-Präsident Leo Windtner stärkt Ihnen den Rücken – haben Sie schon ein Bild von der Zukunft?

Constantini: So weit kann ich gar nicht denken, das denken ohnehin die anderen für dich. Im Grunde ist es eine Entscheidung des Präsidenten. Herbert Prohaska hatte zwei Qualifikationen Zeit, Hans Krankl ebenfalls, ich werde vermutlich bereits nach einer gehen. Vermutlich ist alles einfach schnelllebiger und aggressiver geworden. Das muss man in meinem Job einfach annehmen. Ich kann nicht von den Spielern verlangen, sie sollen Profis sein, und ich bin keiner.

Könnten Sie sich dennoch vorstellen, weiterzumachen? Es ist wohl nicht so, dass es Ihnen keinen Spaß machen würde?

Constantini: Nein, im Gegenteil, es macht mir großen Spaß! Momentan mache ich die Selbstgeißelung durch, indem ich Videos der Spiele anschaue und Dinge sehe, die ich vom Spielfeldrand gar nicht gesehen habe. Bereits in der U12 lernst du, dass Einwürfe so nicht gehen.

Im Herzen sind Sie ein Schwarz-Grüner, ein Wacker-Anhänger. Das Team ist, gemessen am Budget, auf einem guten Weg. Ist noch mehr möglich oder werten Sie einen möglichen Europacup-Platz als Produkt des Zufalls?

Constantini: Ich denke, es ist das Produkt der harten Arbeit von Walter Kogler und seinem Team. Wichtig erscheint mir, die Diskussion über die finanzielle Lage in den Griff zu bekommen. Wenn das passt, kann man auch Spieler zum Verein holen. Sollte das gelingen, sehe ich keinen Grund, warum sich Innsbruck nicht über Jahre oben festsetzen könnte.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 11.04.2011
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