16.05.2011
Österreich

Die ausrangierten Möbel der Revolution

Das Tiroler Landestheater ist um eine eindrucksvolle Musical-Produktion reicher. Standing Ovations für „Les Misérables“ bei der Premiere am Samstag.

Von Sabine Strobl

Innsbruck – Den Traum von einer sozial gerechten Gesellschaft und vom Sieg des Guten im Menschen hat Victor Hugo in seinem Roman „Les Misérables“ (1845–1862) festgeschrieben. 120 Jahre später bekam das Werk mit dem Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg ein neues Gesicht. Seitdem hat es mit seinen packenden Balladen und Chorszenen ein Millionenpublikum erreicht. Die deutschsprachige Aufführung am Tiroler Landestheater überzeugt mit einem wunderbar in Szene gesetzten Konflikt des geläuterten Sträflings Valjean und des gesetzeshörigen Polizisten und Spitzels Javert, mit einer beeindruckenden Ensembleleistung und einem gewaltigen Bühnen- und Kostümarrangement.

Liberté, Égalité und Fraternité, die Parolen der französischen Revolution verblassen an den Fassaden, die Deckengewölbe fransen aus. Helfried Lauckner lässt die Drehbühne allerlei Stückerln spielen. Wobei das imposanteste Bild, das bei anderen Produktionen zum Herzeigebild geworden ist, nach der Pause kommt. Auf einem Berg von ausrangierten Möbeln finden die Straßenschlachten in Paris statt. Restauration, Julirevolution, Bürgerkönigtum und die Pariser Arbeiteraufstände bilden den historischen Hintergrund, vor dem sich das Schicksal des freigekommenen Häftlings Valjean entspinnt. Nach 19 Jahren Zuchthaus findet er Aufnahme beim Bischof (Stefan Salvenmoser), der ihn als Mann mit Herz zu einem guten Leben führt. 1823 ist Valjean dann auch Bürgermeister eines Städtchens, er verspricht der sterbenden Arbeiterin Fantine (Anne Schuldt), für deren ledige Tochter Cosette (Sophie Mitterhuber) zu sorgen. Doch die Vergangenheit holt Valjean in Form des Polizisten Javert wieder ein. Valjean flieht.

Der in Berlin und New York aufgewachsene Chris Murray singt die Rolle Valjeans in Innsbruck. Fein charakterisierend und mitreißend im Duell mit dem Polizisten Javert (Guido Weber). (Die zweite Hauptrolle, den Poliziten hat Chris Murray in Baden bei Wien und Berlin gespielt). Unter der musikalischen Leitung von Hansjörg Sofka begleitet das Tiroler Symphonieorchester souverän, locker und gefühlvoll das Geschehen. Auch nach der Pause kommen keinerlei Risse in den Spannungsbogen. Pierre Wyss, der in Innsbruck zuletzt auch „Lulu – Das Musical“ erfolgreich umgesetzt hat, führt mit klarer Handschrift zum Finale. Einzig die Technik hat manchmal mit einer Mikroschaltung zu kämpfen.

Das boshafte wie gierige Paar Thénardier (Dale Albrigtht und Kristina Consumano) bringt immer wieder Farbe ins Volk. Unterstützt von der Tanzkompagnie des Landestheaters und humorvollen Choreografien von Enrique Gasa Valga. Gesanglich lässt in diesem Teil Lysianne Tremblay als unglückliches Mädchen Eponine aufhorchen. Colette verliebt sich in den Studenten Marius. Vajean setzt (per übertriebener Maske in unheimlichem Tempo alternd) zu einer letzten guten Tat an und rettet Marius in den Barrikadenkämpfen. Formidabel. Extraapplaus für den Kinderchor und Alina Crepaz und Lukas Roilo in den Kinderrollen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 16.05.2011
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