18.07.2011, 12:28 
International

Die syrische Opposition macht es dem Assad-Regime leicht

Dabei sind viele Oppositionelle der Meinung, dass politischer Druck aus dem Ausland und eine Anerkennung der Opposition durch westliche Regierungen ein Meilenstein im Kampf gegen das Assad-Regime wäre.
Der syrische Präsident Bashar al-Assad.
Foto: AP

Istanbul – Täglich werden in Syrien Zivilisten erschossen, festgenommen, gedemütigt und gefoltert. Doch anders als im Libyen-Konflikt, wo der Westen rasch Position gegen Muammar al-Gaddafi bezogen hatte, zögert man im Falle Syriens. Die syrische Opposition ist daran nicht schuldlos.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Die gut organisierte libysche Opposition trifft sich im zentralen Palasthotel von Istanbul mit Spitzendiplomaten aus aller Welt. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu heißt sie willkommen. US-Außenministerin Hillary Clinton gibt ihren Segen. Die zersplitterte Opposition Syriens berät einen Tag später - ebenfalls in der Bosporus-Metropole. Doch das Treffen ist ungleich karger und komplizierter.

Die Syrer kommen in einem obskuren Kongresshotel am Stadtrand von Istanbul zusammen, ohne Vertreter der türkischen Regierung und ohne westliche Diplomaten. Die Konferenzteilnehmer sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Islamisten mit langen Bärten, würdevoll wirkende Stammesführer, Kommunisten in karierten Hemden, junge Frauen mit und ohne Kopftuch, Kurden, Christen, Turkmenen sowie Männer mit Dreitagebart, die Videos von dem Treffen mit ihren Smartphones direkt ins Netz stellen. Das Einzige, was sie eint, ist die Überzeugung, dass ein Leben in Würde in Syrien erst dann möglich sein wird, wenn die Präsidentenfamilie Assad und ihre Beschützer in den Sicherheitskräften von der Macht vertrieben sind.

„Diese alten Typen von der Opposition“

„Diese alten Typen von der Opposition sind hoffnungslos mit ihrem Streit und ihren endlosen Debatten - wir sollten es wie die Libyer machen, die in Benghazi (Bengasi) einfach ein paar fähige Leute zusammengetrommelt haben und dann angefangen haben, Politik zu machen“, schimpft Sayed al-Sibai. Der energische syrische Jungunternehmer trägt eine schrille orangefarbene Krawatte zum hellen Anzug. Ungeduldig wippt er mit den Füßen. Auf seiner Visitenkarte stehen drei Handynummern. Er lebt im Sultanat Oman. Seine Heimat kennt er nur von einem Besuch als Kind. „Mein Onkel war Universitätsprofessor. Er hat zwei Jahre im Gefängnis verbracht - nur weil er regelmäßig in der Moschee gebetet hat - als man ihn freiließ, war er ein arbeitsunfähiger, gebrochener Mann. Dieses Regime ist grausam - es muss weg.“

Doch weder Sibai noch eine Gruppe von jungen Syrern, die aus Deutschland angereist sind, vermag die Differenzen zwischen den Symbolfiguren der Opposition aus dem Weg zu räumen. Viele der grauhaarigen Männer, die an diesem heißen Julitag in Istanbul Reden halten, haben für ihren Kampf gegen das seit 1963 herrschende Regime der Baath-Partei teuer bezahlt. Sie wurden misshandelt und verloren die Heimat. Jetzt wollen sie dabei sein, wenn Präsident Bashar al-Assad stürzt. „Wir hoffen, dass dies die letzte Haltestelle auf dem Weg nach Damaskus ist“, ruft einer von ihnen ins Mikrofon. Dann ufert die Debatte aus.

Ein regimetreuer Journalist aus Damaskus, der dem arabischen TV-Nachrichtensender Al-Jazeera ein Interview gibt, heizt den Streit aus der Ferne an. Er behauptet, „in Istanbul haben sich ja nur Leute versammelt, die in Deutschland und Frankreich in Luxus-Villen leben und von den Realitäten hier nichts verstehen“. Dass die Sicherheitskräfte ein ebenfalls für Samstag geplant gewesenes Treffen von Regimegegnern in Damaskus mit einem Angriff auf den Tagungsort verhindert hatten, lässt er unerwähnt.

Ein syrischer Dissident, der in Istanbul lebt, sagt: „Ich kann verstehen, dass die Türken und die Europäer zögern. Sie wollen erst einmal wissen, wer diese syrische Opposition überhaupt ist und wofür sie steht. Wie sieht sie die Frage der Grenze mit der Türkei? Was ist ihre Position in Bezug auf die Sicherheit Israels?“

Dabei sind viele Oppositionelle der Meinung, dass politischer Druck aus dem Ausland und eine Anerkennung der Opposition durch westliche Regierungen ein Meilenstein im Kampf gegen das Assad-Regime wäre. „Das wäre ein wichtiges Signal an alle syrischen Offiziere und Funktionäre, die zwar gegen die Brutalität des Regimes sind, aber bisher keine Alternative sehen“, glaubt die Ärztin Hiba Fouz. „Stellvertretende Vorsitzende des Deutsch-Syrischen Vereins zur Förderung der Freiheiten und Menschenrechte“ steht auf ihrer Visitenkarte. Auf der Rückseite ist die Karte mit den Farben der syrischen und der deutschen Fahne bedruckt.

Sie und andere Mitglieder des Vereins, der seinen Sitz in Weiterstadt (Hessen) hat, hoffen, dass es ihnen durch die Dynamik des „arabischen Frühlings“ gelingen wird, die deutsche Bundesregierung auf die aus ihrer Sicht illegalen Aktionen der syrischen Botschaft in Berlin gegen Regimegegner in Deutschland aufmerksam zu machen. (dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 18.07.2011  12:28
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