Den Talenten der Talente auf die Spur kommen
Von Julia Hosch
Innsbruck – Für fast 30 Prozent aller heimischen Unternehmen gleicht die Suche nach gutem Personal einem Spießrutenlauf. Das ist das Ergebnis des Beschäftigungsausblickes für das vierte Quartal 2011 der Leiharbeiterfirma Manpower. Vor allem in der Energieversorgungsbranche, bei Finanzdienstleistern und im Handel suche man nach geeignetem Personal wie nach der Nadel im Heuhaufen. „Die meisten Personalchefs suchen ‚fertige‘ Mitarbeiter, finden diese aber nicht. Durch gezielte Talenteförderung könnten Firmen dem Facharbeitermangel entgegenwirken“, sagt Stephan Laske, Professor am Institut für Organisation und Lernen an der Universität Innsbruck.
Er sei davon überzeugt, dass in jedem Mitarbeiter Entwicklungspotenzial stecke. Viele Talente würden Firmenchefs jedoch nicht erkennen. Nur wenige Unternehmer seien dazu bereit, Zeit und Geld in eine firmeninterne Talenteschmiede zu stecken, weiß auch Arbeitspsychologe Markus Felder. „Personal wird hier zu Lande generell zu wenig gefördert. Für Firmen, die sich in diesem Bereich engagieren, ist eine Talenteschmiede jedoch ein tolles Aushängeschild“, meint der Psychologe.
Unternehmen, die ihr Personal selbst aufbauen, würden zudem mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn ein gutes Talentemanagement wirkt nicht nur wie ein Reputationsturbo. Die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter steigt, die Fluktuationsrate sinkt und Unternehmen können sich gut geschultes Fachpersonal intern aufbauen.
Für solch eine Entwicklung brauche es in Österreichs Firmen jedoch ein Umdenken in Sachen Weiterbildung und Talentemanagement. „Eine Zeit lang lag es im Trend, Seminare zu besuchen und damit auf Vorrat zu lernen. Das schadet natürlich nicht. Will man Talente fördern, ist diese Art der Fortbildung allerdings zu wenig“, weiß Laske. Soll eine Talenteschmiede greifen, müsse das „Lernen durch die Arbeit“ mehr in den Fokus der Personalchefs rücken. So rät der Experte Mitarbeitern regelmäßig Herausforderungen zu bieten und sie auf Bewährungsproben zu stellen. Dadurch lasse sich schnell erkennen, in welchen Bereichen mögliche Talente schlummern könnten. Auch sei es wichtig, sein Personal immer ein bisschen an der Grenze zur Überforderung arbeiten zu lassen. „Sonst gibt sich ja niemand Mühe. Man sollte aber auch keinen Mitarbeiter in Niederlagen hineinlaufen lassen“, sagt Laske.
Um Mitarbeiter nach ihren Talenten und Begabungen zu fördern und aufzubauen, müssten sich Unternehmen mehr Zeit nehmen, ihr Personal kennen zu lernen, erklärt Arbeitspsychologe Felder. Bei kleinen und mittleren Betrieben (KMU) sollte diese Aufgabe der Chef höchstpersönlich übernehmen. In größeren Betrieben lohne es sich, einen eigenen Mitarbeiterstab mit dem Talente-Coaching zu betrauen. „Die Schwierigkeit liegt darin, auf die Stärken und Schwächen jedes Mitarbeiters einzugehen und gleichzeitig jene Talente zu fördern, die auch einen Mehrwert für das Unternehmen haben“, weiß der Profi.
Ob sich ein Mitarbeiter als förderungswürdig erweist, könne man an seiner Lernbereitschaft, Selbstreflexion und an seinem Durchsetzungsvermögen erkennen. Österreichs Unternehmen müssten bei der Talenteförderung noch einen Zahn zulegen, sagt Laske. In Tirols Betrieben seien die Ausgangsvoraussetzungen für firmeninterne Talenteschmieden jedoch besonders günstig. „Hier zu Lande gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen. Auf Grund ihrer Überschaubarkeit und des persönlichen Arbeitsumfeldes fühlen sich Mitarbeiter in KMU meist besonders wohl“, weiß der Personal-Experte. Ein „kuscheliges Umfeld“ alleine reiche jedoch nicht aus, um Personal langfristig an ein Unternehmen zu binden. Um am Markt bestehen zu können, müsse ein aktiveres Talentemanagement für heimische Betriebe daher vom Kann zum Muss werden. „Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln. Einen Goldfisch füttert man schließlich auch mit Goldfischfutter, damit er wächst. So müssen auch Mitarbeiter richtig gefördert werden.“


