02.10.2011
Innsbruck

54 Prozent der Ärzte burnoutgefährdet

Fehlendes Pflegepersonal, überlastete Ärzte, volle Ambulanzen: In den Spitälern herrscht Handlungsbedarf.

Von Peter Nindler

Innsbruck – Der Aufschrei der Betriebsräte des Pflegepersonals an den Tiroler Spitälern über die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern dürfte eine Lawine lostreten. Denn trotz einer hohen Patientenzufriedenheit ist die Situation an den zehn Tiroler Fondsspitälern angespannt. Gerhard Hödl, langjähriger Betriebsratsvorsitzender in der Tiroler Landeskrankenanstaltengesellschaft Tilak, schätzt, dass es in den Landeskrankenhäusern und den Bezirksspitälern um 25 Prozent mehr Personal im Pflegebereich benötigen würde. „Es brennt, die Schmerzgrenze bei der Belastung ist erreicht.“

Das Problem ist vielschichtig, denn auch bei den Ärzten gibt es einen Engpass. Verschärft wird die Situation durch zunehmende Verwaltungstätigkeiten der Ärzte und des Pflegepersonals. „50 Prozent der Arbeitszeit wird bereits für die Dokumentation vor dem Computer aufgewendet und nicht für die unmittelbare Patientenversorgung“, betont Hödl.

Gesundheits-LR Bernhard Tilg (VP) will auf den Appell reagieren, wenngleich er differenziert. Die Problematik am Landeskrankenhaus Innsbruck, das gleichzeitig eine Universitätsklinik ist, überlagert die Debatten über ausgepowerte Pfleger und Ärzte an den Krankenhäusern. Für Tilg sind die Landeskrankenhäuser in Innsbruck, Hochzirl, Natters und Hall insgesamt attraktive Arbeitsplätze. Es gebe eine hohe Mitarbeiter-Zufriedenheit, mit sieben Prozent eine sehr geringe Fluktuationsrate und mit mehr als 11 Jahren eine sehr hohe Verweildauer, die länger sei als in anderen Berufsgruppen. Bei den Frauen betrage der Anteil der Teilzeitbeschäftigten überdies 49 Prozent. Natürlich könnte es manchmal zu Engpässen kommen, aber man versuche diese immer so rasch wie möglich zu beheben. Den Vorwurf, es gebe keine Personalbedarfsplanung, weist Tilg zurück: Laufend würden Personalbedarfsanalysen durchgeführt.

Ein Brennpunkt stellt jedoch die Innsbrucker Klinik dar: Dort arbeiten Landes- und Bundesärzte, Land und Bund haben sich aber immer mehr auseinandergelebt. Das führt zu massiven (finanziellen) Auseinandersetzungen. Immer häufiger muss das Land einspringen und Ärzte nachbesetzen. Rund 50 Ärzte fehlen. Beim Pflegepersonal des Landes sind es 150 Planstellen, schätzt Betriebsratschef Hödl. Die Belastung ist ebenfalls enorm. Wie eine Studie der Ärztekammer jetzt ergeben hat, sind 54 Prozent der Ärzte Burnot-gefährdet, Besonders betroffen sind laut Ärztekammer männliche Spitalsärzte unter 47 Jahren; darunter vor allem jene, die sich in einer Facharzt-Ausbildung befinden sowie Turnus- und Fachärzte. Nachtdienste und Notarzt-Tätigkeit lassen das Burnout-Risiko weiter ansteigen.

Dazu kommt noch der Ansturm an den Ambulanzen: „In den letzten Jahren ist es durch ein Versorgungsdefizit im Bereich der niedergelassenen Ärzte an Wochenenden oder in Nachtzeiten zu einem massiven Ansturm auf die Notfallambulanzen der Universitätskliniken gekommen“, betont Martin Tiefenthaler, Vorsitzender Bestriebsrat der Bundesärzte. Die Arbeitsbelastung bei den Nachtdiensten nimmt ständig zu. Mit 60 Stunden pro Woche im Halbjahresschnitt würde keine Berufsgruppe so viel arbeiten wie die Spitalsärzte, heißt es.

Wegen Überlastung der Ärzte an der Hautklinik- Ambulanz in Innsbruck mussten die Patienten Ende August vorübergehend sogar selbst einschätzen, ob sie ein Notfall sind oder nicht. Vom Bund fühlt sich das Land im Stich gelassen. 56 Ärzte (Vollzeitäquivalente) und 50 Pfleger wurden seit 2007 vom Land zusätzlich eingestellt, die Tilak müsse seit Jahren Bundes- durch Landesstellen ersetzen, um die Versorgungsqualität erhalten zu können, kritisiert LR Bernhard Tilg. Dass sich der Bund Schritt für Schritt aus seiner Verantwortung ziehe, sei inakzeptabel.

Solidarisch mit den Betriebsräten zeigt sich SP-Gesundheitssprecherin LA Gabi Schiessling: „Die personelle Ausgestaltung der Krankenhäuser ist der Schlüssel zu Patientenzufriedenheit und hoher Qualität. Beim Personal darf deshalb nicht gespart werden.“ Die Politik müsse sich klar darüber sein, dass sich der medizinische Fortschritt nicht nur in einer hochwertigen Ausstattung mit Geräten zeige, sondern dies wiederum mehr Personalres­sourcen nach sich ziehe. Das Land sollte noch viel auf das klinische Personal eingehen, um weiter eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 02.10.2011
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