24.10.2011
Ski Alpin

Geglättete Wogen, aber hoher Seegang

Mit dem Sölder Bergbahnenchef Jakob Falkner und ÖSV-Präsident Peter Schröcks­nadel kreuzten zwei Alpha-Tiere die Klingen. Dem jüngsten Burgfrieden ist nicht zu trauen.

Von Florian Madl

Sölden – Im Dunstkreis von Zigarren taufte man sie „Jack“ und „Schröcksi“. Kosenamen, die dem Verhalten der beiden jedoch nicht gerecht werden, wenn es um das Ureigenste geht: das Imperium. So empfand es Skiverbandspräsident Schröcksnadel beim Weltcup-Wochenende in Sölden als Zurückweisung, dass der Sölder Bergbahnenchef Falkner einen sportlichen Konkurrenten aus marketingtechnischen Gründen unterstützt. Ausgerechnet Erzfeind USA:

„Bei Einzelpersonen wie Bode Miller ist mir das egal. Aber das Team zu unterstützen, das verstehe ich nicht.“ Dabei gehe es nicht ums Geld, sondern „um eine gewisse Ethik“. Damit freilich mag Unternehmer Schröcksnadel den Nerv des Konsumenten treffen, nicht aber den des Unternehmers Falkner: „Es ist nicht so, dass es gegen Österreich geht, das liegt uns sehr am Herzen.“

1Es geht um Akquise von Gästen. Die Ötztaler Tourismusmaschine unterstützt Radrennen in Hamburg und eine Skihalle in Großbritannien. Schneekanonen werden installiert und Lifte gebaut – aber das Ötztal weigert sich beharrlich, dem FC Wacker im großen Stil unter die finanzschwachen Arme zu greifen. Das sei nicht Teil der Strategie, betont man.

Im Gegenzug prangt das Ötztal-Logo vom Kopf eigener Ski-Talente (Nösig, Scheiber), bedient das Tal den regionalen Ski-Pool, zahlt in den Tirol-Werbungstopf (ÖSV-Sponsor!) und präpariert außerdem für ÖSV-Asse wie zuletzt Benni Raich eine pickelharte Trainingspiste.

2 Nationalstolz vs. Marktwirtschaft. Welchen ethischen Grundregeln folgt die Marktwirtschaft?, lautet die Kernfrage. Eine pikante, zumal in Zeiten von Börsenhaien und Rettungsschirmen. ÖSV-Präsident Schröcksnadel beruft sich auf die Anziehungskraft des Nationalsports Skifahren und die anhaltend hohe TV-Quote. Ein Grund, warum der 70-Jährige in der Vergangenheit beim Thema TV-Rechtevergabe Österreichs Öffentlich-Rechtlichen (ORF) favorisierte. Daneben hofft er lautstark auf mehr Schulskikurse und plädiert fürs Gratis-Skifahren im Kindesalter. Die Ötztaler Touristiker unterstützen das wohl auch – im Gegenzug kommen aber gerade fünf Prozent der Gäste aus Österreich. Und die übrigen 95 Prozent wollen auch beworben werden.

3 US-Läufer haben mehr Charisma. Mit seiner Erklärung für den US-Deal polarisierte Oliver Schwarz, Geschäftsführer des Tourismusverbands Ötztal. Er wertete zwangsläufig, wenn er das auch so nicht beabsichtigt hatte. Doch zweifelsohne können Konsumenten im Wesen der Amerikaner mehr Konturen erkennen: Die twittern sich ihre Urlaubsfreuden von der Seele, erzählen aus dem Nachtleben und begehren auf, wenn ihnen der Internationale Skiverband Regeln auferlegt. Aus Österreichs Team schert indes kaum einer aus, die Professionalität lässt das Konstrukt bisweilen steril erscheinen. Man kann sie also lieben oder hassen, die Amerikaner: Gleichgültig sind sie einem nicht.

4 Sölden, nur du allein? Dass Sölden alljährlich den Weltcup-Auftakt ausrichtet, scheint seit 2000 in Stein gemeißelt. Was aber, wenn Peter Schröcksnadel und Jakob Falkner irgendwann einmal auf keinen grünen Zweig mehr kommen sollten? Aus dem Stubaital kamen schon vor Jahren Lockrufe, auch auf der steirischen Reiteralm ist Skifahren am Novemberbeginn möglich. Die Sinnhaftigkeit eines Ortswechsels indes würde sich nur den Wenigsten erschließen: Man würde auf die gewachsene Veranstaltung im Ötztal verzichten – und die Ötztaler würden weiterhin die Amerikaner unterstützen. Und der Skizirkus würde sich weiterdrehen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 24.10.2011
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