31.10.2011
Österreich

Berlakovich hält an E 10 fest

In Deutschland ist E 10 ein Flop. In Österreich hält Umweltminister Berlakovich an der Einführung des Biosprits fest. Trotz einer ungewöhnlichen Allianz von Gegnern.

Von Christian Willim

Innsbruck – Für Holger Krawinkel ist das Urteil bereits gesprochen. „E10 ist faktisch tot“, sagte der Energieexperte der deutschen Verbraucherzentrale Bundesverband kürzlich der Nachrichtenagentur dpa. Seit Februar ist der Biobenzin, der zu zehn Prozent aus Ethanol besteht, in Deutschland auf dem Markt. Die Einführung war ein einziges Chaos, die Autofahrer meiden den „Sprit vom Acker“ bis heute wie der Teufel das Weihwasser.

Ein ähnliches Szenario droht auch in Österreich. Denn trotz des Flops im Nachbarland ist Umweltminister Nikolaus Berlakovich fest entschlossen, den umstrittenen Treibstoff im Herbst 2012 auch hierzulande verpflichtend einzuführen, wie dessen Sprecher Stefan Ratzenberger auf TT-Anfrage bestätigt. Dabei hat der Minister seit Wochen heftigen Gegenwind. Eine breite Allianz an Kritikern macht mobil. Die Achse der Verbündeten ist dabei alles andere als alltäglich. Denn wann ziehen Vertreter der Autofahrer und Umweltschützer schon an einem Strang? „Das gibt es wirklich nicht oft“, sagt Jurrien Westerhof, der Energieexperte von Greenpeace Österreich. „Die Zugänge sind unterschiedlich, aber wir wollen ungefähr das Gleiche.“ Nämlich, dass die E10-Pläne auf Eis gelegt werden.

Das wünscht sich auch der ARBÖ, der im Gegensatz zum ÖAMTC massive Kritik an E10 übt. Vergangene Woche warnte der Autofahrerclub erneut vor möglichen Schäden an Fahrzeugen, die das Tanken mit dem Biotreibstoff verursachen kann. „Das trifft auf fünfzehn Prozent aller Fahrzeuge zu, die vor 2006 gebaut wurden. Das sind in Österreich etwa 200.000 Autos“, so ARBÖ-Sprecher Thomas Woitsch. Der biogene Treibstoff greife insbesondere Alu- und Gummiteile an und lasse sie korrodieren bzw. spröde werden.

Mit einer Protestaktion will der ARBÖ den Umweltminister zum Umdenken bewegen. „Wir haben bereits über 4500 Unterschriften gesammelt“, berichtet Woitsch, für den die Einführung von E10 einer riesigen Wertvernichtungsmaschinerie entspräche. „Wer kauft schon einen Gebrauchtwagen, wenn er nicht weiß, ob der den Biosprit verträgt?“

Westerhof macht sich hingegen vor allem Sorgen darüber, woher die Rohstoffe für Agrar-Treibstoff kommen sollen. „Der weltweite Bedarf an Nahrungsmitteln und Viehfutter wird nicht geringer werden. Darum wird wohl neues Agrarland für die Herstellung gebraucht.“ Greenpeace fürchtet, dass das durch die Abholzung von Regenwäldern geschehen könnte. „Das ist alles andere als CO2-neutral. Aber in Österreich will man diese Folgen nicht in die Gesamtbilanz einrechnen.“

Von zusätzlichem Bodenbedarf kann laut Berlakovich-Sprecher Ratzenberger keine Rede sein: „Wir finden mit den derzeit genutzen Ackerflächen zur Treibstoffproduktion das Auslangen.“ Das verspricht auch der österreichische Nahrungsmittelkonzern Agrana, der in einem niederösterreichischen Werk Bioethanol herstellt. Das Verwunderliche: Agrana gesteht gleichzeitig ein, dass bereits jetzt ein Teil der Rohstoffe für die Produktion aus Nachbarländern kommt.

Mais und Weizen als Grundlage für Treibstoff, das wirft aber unabhängig von all dem auch ethische Fragen auf. Für die Arbeiterkammer gehören „Nahrungsmittel auf den Teller und nicht in den Tank“. Das hat freilich auch wirtschaftliche Gründe. Denn die AK befürchtet, dass durch die gesteigerte Nachfrage von agrarischen Rohstoffen die Preise für Lebensmittel steigen könnten. Teurer könnte aber auch der Treibstoff mit erhöhtem Bioanteil werden.

Berlakovich hofft indes, mit E10 dem Erreichen der Kyoto-Ziele näherzukommen. Die Arbeiterkammer vermutet eine andere Motivation hinter den Plänen: Klientelpolitik für die Agrarindustrie, die mit dem Biosprit ordentlich Geschäft machen würde. Vorwürfe, die für Ratzenberger aus der Luft gegriffen sind: „Da keine weiteren Anbauflächen für die Erzeugung von E10-Treibstoffen benötigt werden, kann eine Vorteilssituation für Landwirte nicht entstehen.“ Was die E10-Einführung für die Agrana bedeutet, steht auf einem anderen Blatt. Der attestiert die AK ein Quasi-Monopol in der Bioethanol-Produktion.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 31.10.2011
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