13.11.2011
International

Chinas Machtapparat hat Angst vor blindem Barfuß-Anwalt

Die Menschen in China wollen sich nicht mehr einschüchtern lassen. Immer mehr bekunden öffentlich ihre Sympathie für Bürgerrechtler.

Von Andreas Landwehr/dpa

Peking – Chen Guangcheng ist zum Symbol für Freiheit und Gerechtigkeit in China geworden. Polizei und Schlägertypen halten den blinden Bürgerrechtler unter Hausarrest. Aus Protest hat sich eine einmalige Solidaritätsbewegung entwickelt.

Auf den Webseiten der Lokalregierung und einer großen Provinzzeitung wird Chen Guangcheng noch heute als eine der „herausragenden“ Persönlichkeiten des Jahres 2003 der Stadt Linyi gefeiert: „Ein junger Blinder, der sich für die Rechte der Behinderten einsetzt.“ Doch seinen Kampf gegen Unrecht aller Art in der Volksrepublik China hat Chen seither mit mehr als fünf Jahren Unfreiheit bezahlen müssen. Seit seiner Entlassung nach gut vier Jahren Haft im September 2010 stehen Chen Guangcheng, seine Frau Yuan Weijing und die sechsjährige Tochter in ihrem Dorf Dongshigu in der ostchinesischen Küstenprovinz Shandong unter strengem Hausarrest.

Der Bürgerrechtler, der sich trotz Blindheit selbst die Juristerei beigebracht hat, feierte gestern seinen 40. Geburtstag. Seine Verfolgung hat in China eine beispiellose Kampagne von Aktivisten, Schriftstellern und Intellektuellen ausgelöst. In Scharen pilgern sie in das Dorf, wo sie von angeheuerten Schlägern mit Duldung der Polizei aufgehalten werden und Prügel beziehen. Vor zwei Wochen wurden mehrere seiner Anhänger schwer verletzt. Auch ausländische Journalisten wurden attackiert. Gut organisierte Sicherheitsleute fingen zuletzt diese Woche ein BBC-Team ab.

Auch international wird der Ruf nach Freiheit für Chen Guangcheng lauter. Vor dem Asien-Pazifik-Gipfel (APEC) in Hawaii zeigte sich US-Außenministerin Hillary Clinton am Freitag „alarmiert“ über den „anhaltenden Hausarrest“ des Bürgerrechtlers. Clinton äußerte die „ernsten Sorgen“ der USA über Menschenrechtsverletzungen in China. Auch kritisierte die APEC-Gastgeberin die Zunahme von Festnahmen oder das Verschwinden von Anwälten, Künstlern oder Aktivisten in China.

Schon seit Ende der Neunzigerjahre hilft Chen Guangcheng Opfern von Machtwillkür, zu ihrem Recht zu kommen. In Anlehnung an die „Barfußärzte“, die im revolutionären China Mao Zedongs mit einfacher medizinischer Ausbildung durch das Land zogen, ist er als „Barfußanwalt“ bekannt. 2005 half er Familien in Linyi in ihren Klagen gegen Missbrauch bei der Ein-Kind-Politik wie etwa zwangsweisen Sterilisationen. Als Unruhestifter wurde Chen deswegen 2006 verurteilt. Im selben Jahr wählte ihn das US-Magazin Time unter die „Hundert führenden Personen, die die Welt verändern“.

Nachdem Chen im Februar ein Video über seinen Hausarrest herausgeschmuggelt hatte, wurden er und seine Frau zusammengeschlagen. Seither gibt es keine Nachricht mehr von ihm. Die chinesische Zeitung Global Times, die vom Parteiorgan Renmin Ribao (Volkszeitung) herausgegeben wird, brach jüngst das Schweigen. Die Vorwürfe, dass seine Behandlung gegen das Recht und die Menschenrechte verstoße, „dürften nicht einfach erfunden sein“, räumte das Blatt ein. Sein Fall wurde aber als „Überreaktion“ örtlicher Stellen heruntergespielt, obwohl er lange bis ins Politbüro bekannt ist.

Der Aufruf des Blattes, das Dorf „nicht zum Kessel zu machen“, zeigt die Furcht des Machtapparats vor dem „Barfußanwalt“ und seinen Unterstützern. Für viele ist sein Fall beispielhaft für den Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. Sie wollen sich nicht mehr einschüchtern lassen.

Ihr Protest bedient sich einfacher Symbolik: Viele setzen nur eine dunkle Sonnenbrille auf, wie sie der Blinde trägt, und verbreiten Fotos von sich im Internet. Andere tragen T-Shirts mit seinem Bild, wie der im Juni nach dreieinhalb Jahren freigelassene Pekinger Bürgerrechtler Hu Jia, der sich prompt eine Verwarnung der Polizei einhandelte.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 13.11.2011
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