26.11.2011
Innsbruck

Hie und da ein bisschen unangenehm

Am 22. Dezember wird Altbischof Reinhold Stecher 90 Jahre alt. Pensionsschock hat er keinen erlebt, auf die Seite der Unglückspropheten schlägt er sich nicht und für den Ungehorsam der Priester hat er Verständnis.
Reinhold Stecher ist ein Optimist, deshalb glaubt er, dass die notwendigen Nachjustierungen in der Kirche kommen werden.Foto: Zwicknagl
Foto: BILDIMPORT

Herr Bischof Stecher, was wünschen Sie sich zum 90. Geburtstag?

Reinhold Stecher: Ich habe eigentlich keine Wünsche. Ich muss sagen, dass diese Jahre des hohen Alters, die ich in Hochrum verbringen durfte, unverhältnismäßig schön waren. Einerseits entlastet von der Verantwortung und auf der anderen Seite hat es sich als besonderes Geschenk ergeben, dass ich halbwegs gesund und ohne Beschwerden bin. Mehr kann ich mir beim besten Willen nicht wünschen. Ich habe schon einmal gesagt: Das Flugzeug ist im Sinkflug, die Landeklappen sind ausgefahren und wenn ich mir noch etwas wünsche, dann ist es eine sanfte Landung.

Aber über welches Geburtstagsgeschenk würden Sie sich dennoch besonders freuen?

Stecher: Ich bin immer überwältigt und dankbar für die unglaubliche Hilfsbereitschaft, die ich in unserem Land innerhalb und außerhalb der Kirche gefunden habe. Ich sehe in dieser Hinsicht eine positive Entwicklung in unserer Zeit. Es gibt ein großes Echo auf das Helfen. Wenn ich mir etwas wünschen kann, dann das, dass es so weitergeht.

Haben Sie je so etwas wie einen Pensionsschock erlebt?

Stecher: Nein. In unserem Beruf erlebt man nicht leicht einen Pensionsschock, weil zu wenige da sind. Ein noch aktiv tätiger Pensionist ist ein begehrter Mann. Ich habe mich aber bewusst aus allen Führungsfunktionen der Kirche zurückgezogen. Mich hat die Ausübung von Macht und Autorität nie besonders gefreut, die Arbeit mit den Menschen war mir lieber. Außerdem hat mir für eine Führungsaufgabe in der Kirche jede Form von Managementbegabung gefehlt.

Dafür haben Sie die Gabe, Menschen mitzureißen.

Stecher: Weil ich mich stets in der Seelsorge betätigt habe – auch als Bischof. Ich musste allerdings immer froh sein um Menschen, die das können, was ich nicht kann. Und das gilt bis heute.

Es zeichnet Sie aber aus, dass Sie nicht der Manager Gottes sind, sondern eine moralische Instanz in Tirol.

Stecher: Das ist ein etwas zu großes Wort, aber mir war die Seele Tirols immer ein großes Anliegen. Und dass sich der Glaube in schwierigen Zeiten und alle Formen des Humanen und des Miteinanders entfalten können. Aber der Begriff moralische Instanz ist mir zu hoch gegriffen.

Was war schöner: die 16 Jahre als Bischof oder die 14 Jahre hier in Hochrum?

Stecher: Menschlich gesprochen war für mich selbstverständlich die Entlastung von der Verantwortung schöner. Ich konnte auch nicht mit Freude meine Bischofsweihe erleben. Es war eher belastend. Und diese Last ist weggefallen, ich konnte danach wieder das tun, was ich am liebsten mache: in den verschiedensten Formen verkündigen und helfende Aktionen unterstützen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wird Ihnen da angst und bange oder sind Sie doch eher zuversichtlich?

Stecher: Aus der Kenntnis der Geschichte heraus bin ich überzeugt, dass alle Zeiten ihre blinden Flecken und ihre positiven Seiten haben. Ich bin nie in die Versuchung gekommen, meine Kindheit und Jugend gesellschaftlich, politisch und erlebnismäßig als eine gute alte Zeit zu bezeichnen. Für mich hat mein Leben nach 1945 zum zweiten Mal begonnen. Was davor war, war ein einziger Horror. In der heutigen Zeit ist es sicher so, dass die tägliche Schreckensmeldung zu unserem Alltag gehört. Andererseits hat die Frage des Umgangs mit dieser Gewalt viele Menschen positiv verändert. Auch das Verständnis für soziale Solidarität ist trotz vieler negativer Erscheinungen viel besser geworden. Und das Wissen, dass wir alle in einem Rechtsstaat leben, ist ein außerordentlich positives Erlebnis. Denn ich habe erlebt, was es heißt, wenn es keinen Rechtsstaat mehr gibt. Aber ich war nie geneigt, mich auf die Seite der Unglückspropheten zu schlagen. Das stimmt mit meiner Lebensbilanz nicht überein.

Und wie sehen Sie die Entwicklungen in der Kirche?

Stecher: Ich habe in der Kirche natürlich verschiedene Epochen erlebt, auch eine so positive wie das II. Vatikanum und dann wieder, so wie jetzt, belastete Epochen.

Denkt man nicht hie und da darüber nach, was wäre, wenn ich heute noch ein aktiver Bischof wäre?

Stecher: Wenn etwas abgeschlossen ist, dann ist es abgeschlossen. Und aus. Die Verantwortung haben jetzt andere. Wir haben einen sehr guten Bischof und ich denke mir nur: Gott sei Dank bin ich nicht dran. Ich habe durchaus die Pensionistenfreude. Es ist einfach schön, in der Loge zu sitzen. Man muss sich ja nicht so benehmen wie die beiden Alten aus der Muppet Show.

Aber leiden Sie nicht mit der Kirche mit?

Stecher: Natürlich leide ich mit. Manche Zustände in der Kirche würde ich mir durchaus anders wünschen.

Wie geht es Ihnen mit dem Aufruf der Priester zum Ungehorsam?

Stecher: Ich weiß, dass die Anliegen, die dahinterstehen, schon lange brennen.

Ist der Begriff Ungehorsam nicht unglücklich gewählt?

Stecher: Darüber kann man streiten, aber für mich ist das nicht das Wesentliche. Wesentlich sind die Not und die Sehnsüchte. Das sind Dinge, die bei Exerzitien und Einkehrtagen, die ich im gesamten deutschen Sprachraum mit Tausenden Priestern gehalten habe, intensiv an mich herangebrandet sind. Ich weiß daher, was los ist.

Weil Sie sich auch als aktiver Bischof getraut haben, Ihre Meinung zu sagen?

Stecher: Ich glaube nicht, dass ich besonders viel erreicht habe, aber ich bereue es auch nicht. Hie und da muss man schon ein bisschen unangenehm werden.

Dass die Kirche eine Nachjustierung benötig, ist auch für Sie unumstritten?

Stecher: Das ist außerhalb jeder Debatte. Sie hat sie 2000 Jahre hindurch immer gebraucht. Derzeit sicher.

Wie geht man mit den Nöten der Priester um? Fühlt man sich nicht machtlos?

Stecher: Ich habe die Tätigkeit mit Einkehrtagen und Exerzitien nicht aufgenommen, um die Kirchenkritik aufzumischen, sondern weil ich gewusst habe, dass viele Probleme da sind. Wenn man versucht, aus dem Glauben zu leben, dann relativieren sich letztlich auch aktuelle und brennende Probleme

Sehen Sie denn ein Licht am Horizont für Veränderungen?

Stecher: Tatsache ist, dass bei vielen durchaus gläubigen, wissenden und gebildeten Menschen diese Überzeugung vorherrscht. Bei vielen, bei unzähligen. Dass sich so etwas doch durchsetzen wird, ist eigentlich nach den allgemeinen Erkenntnissen anzunehmen. Man muss nur immer sagen – und das gilt auch für die Politik: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wenn nicht rechtzeitig etwas getan wird, dann sind die Folgen da.

Sie haben also die Hoffnung noch nicht aufgegeben?

Stecher: Nein, mein Horizont ist, was das Letzte betrifft, absolut wolkenfrei. Ich erinnere mich an Papst Johannes XXIII., der ein seelisch absolut gesunder Typ war. Er hat gesagt: Wenn ich die gesamten Probleme der Weltkirche und der Welt jeden Tag vor mir habe und ich gehe abends schlafen, dann sage ich: Lieber Gott es ist deine Welt. Gute Nacht.

Das Gespräch führten Mario Zenhäusern und Peter Nindler

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 26.11.2011
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