Des Imsters höchster Feiertag
![]() Foto: TT / Thomas Böhm
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Von Renate Schnegg
Imst – „Es ist an verschiedenen Orten – auch hier – der Brauch, dass Bürger und andere gemeine Leute zur dummen und wüthigen Fasnachtszeit auf einen Tag ein Schemenlaufen belieben. Nun, es mag ihnen vergonnt sein, weil die Vornehmen Jahr aus Jahr ein alla Maschera laufen und sich betrügen mit verlogenen Gesichtern, da man nicht weiß, ob nicht hinter dem alten Mutterl in der schimplichen Barocka ein Teufel, oder hinter dem Narrenbart ein grimmiger Herodes stecke. Aber das Schemenlaufen soll nicht ein Schelmenlaufen seyn ... ansonst in den Kotter mit euch Tabacksbrüdern und Weinzapfen!“ Das sagte der berühmte Wanderprediger Abraham a Santa Clara im Jahre 1683, als er am Weg in seine schwäbische Heimat durch Imst kam.
Damals riet der wortgewaltige Geistliche den Imster Fasnachtlern, das närrische Treiben nicht ausarten zu lassen, ansonsten drohe das Gefängnis. Heute sind sie froh darum, ist der Spruch des Volkspredigers doch die erste dezidierte Erwähnung des Imster Schemenlaufens.
In den letzten 329 Jahren hat sich nicht viel geändert an der Imster Fasnacht, am allerwenigsten am Enthusiasmus der Bevölkerung. Schon Monate vor der „groaßen Fasnacht“, wie das Schemenlaufen im Gegensatz zur Buabefasnacht genannt wird, sind Männer und Frauen schwer beschäftigt: mit Proben, Masken und Kostümefertigstellen, Ausbessern, Nähen.
Nicht wenige versuchen auch, sich selbst wieder in Form zu bringen, die Kilos, die sich seit der letzten Fasnacht ansammelten, loszuwerden, wie im 2008 erschienenen Buch „Fasnacht in Imst“ humorvoll beschrieben.
Ein spezieller Zauber umgibt die Wagenbauer: Sie machen alles im Geheimen, kein Nichteingeweihter darf wissen, was da in Firmenhallen oder großen Stadeln entsteht. Erst am Samstag vor dem Schemenlaufen, ab 6 Uhr, verlassen die Gefährte ihre Unterkünfte. „Sie müssen meist noch im Freien fertig gestellt werden, da die Hallen und Stadel zu klein sind“, erklärt Luis Schlierenzauer, stellvertretender Obmann der Imster Fasnacht. Der Aufwand ist enorm, „teilweise haben die Wägen den Wert eines Mittelklasseautos, stecken 5000 bis 6000 Arbeitsstunden drinnen. Und nach zwei Wochen werden sie wieder zerlegt“, kann es Schlierenzauer selbst kaum fassen.
Umsichtige Fahrer sind gefragt, gilt es doch, die Wägen durch die teils verschlungenen Gassen bis zum Stadtplatz zu manövrieren. Da wird‘s mitunter eng bei Dachrinnen und Vordächern. Die Straßenlaternen sind gar so konzipiert, dass sie mit wenigen Handgriffen herausgenommen werden können. In der Nacht auf Sonntag wird natürlich Wagenwache gehalten, damit ja nichts – mut- oder böswillig – beschädigt werden kann.
Dann kommt der Sonntag: Tagwache in aller Herrgottsfrüh, um Punkt 6.30 Uhr findet die Fasnachtsmesse in der Pfarrkirche statt. Fernbleiben mehr als unerwünscht! Es folgt das so genannte Figatter am Platz vor dem Hirschen, wo von einigen Maskierten Leute mit Inbrunst verspottet werden, die Menschenmenge applaudiert dazu. Um 9 Uhr informieren die Fasnachtsausrufer hoch zu Ross über den Ablauf des Schemenlaufens, erste Station Richtung Oberstadt ist der Leinplatz. Um die Rossäpfel entlang des Wegs kümmert sich ein spezieller „Rosspolle-Direktor“.
Nach dem Zwölfeläuten, wobei sich die Turmuhr nach der Fasnacht richtet, geht es los: Die Fasnachtler setzen die Larven auf, der erste „Kroas“ wird gebildet. Rund 900 Aktive sind heuer dabei, „allein 370 Ordnungsmasken haben wir diesmal“, beschreibt Schlierenzauer den riesigen Andrang. Die Zahl der Roller- und Scheller-Paare ist hingegen gleich geblieben: 55 werden es sein.
Jeder der 900 hat seinen ständigen Hauptwohnsitz und Lebensmittelpunkt in Imst. „Zuagroaste“ müssen mindestens zwei Fasnachten als Zuschauer erlebt haben, bevor sie mitgehen dürfen. Abgewanderte Imster dürfen es gar nicht mehr.
Zuschauer sind hingegen herzlich willkommen. Einige nehmen weite Wege auf sich, um beim Schemenlaufen dabei zu sein, etwa Herr Fushiki, „der am Freitag von Tokio nach Tirol fliegt, zu unserer Fasnacht kommt und am Montag wieder retourfliegt“, freut sich Schlierenzauer über so viel Zuspruch. Angekündigt haben sich Vertreter von Museen und Fasnachten aus Marseille, Bilbao, dem Trentino, Kroatien und Slowenien. Erwartet wird auch Eva Nowotny, Präsidentin der österreichischen UNESCO-Kommission. Nationales Kulturerbe ist das Schemenlaufen schon, es will aber Weltkulturerbe werden.
aktualisiert: Fr, 03.02.2012 12:46

