02.02.2012, 16:39  Aktualisiert: 03.02.2012, 12:16 
Euro-Krise

Wird Portugal das zweite Griechenland?

Die Kurse portugiesischer Staatsanleihen sackten zuletzt ab, die Kosten für Kreditausfallversicherungen (CDS) zogen an. Ob das Land das Vertrauen der Kapitalmärkte zurückgewinnen kann, ist offen.
Die Frage beschäftigt zunehmend Börsen und Politiker - eine klare Antwort können sie nicht geben.
Foto: dapd

Von Matthias Sobolewski und Andrea Lentz

Berlin - Wird Portugal das zweite Griechenland? Die Frage beschäftigt zunehmend Börsen und Politiker - eine klare Antwort können sie nicht geben. „Portugal steht viel besser da als Griechenland“, sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank: „Zum einen wurden nachhaltige Reformen schon eingeleitet, zum anderen hat das Land eine effiziente Administration.“ Bei anderen wächst dagegen die Befürchtung, private Investoren müssten sich auch in Portugal auf einen Schuldenschnitt einstellen. Die Kurse portugiesischer Staatsanleihen sackten zuletzt ab, die Kosten für Kreditausfallversicherungen (CDS) zogen an. Ob das Land das Vertrauen der Kapitalmärkte zurückgewinnen kann, ist offen.

„Auf dem Weg der Reformen“

„Portugal ist schon auf dem Weg der Reformen, deren Umsetzung auch besser als in Griechenland funktioniert“, zeigt sich Helaba-Analyst Ralf Umlauf optimistisch. Allgemeiner Konsens ist das nicht. „Die Märkte müssen überzeugt werden, dass die Wirtschaft und die Schuldensituation tragfähig sind“, sagt Bill Blain vom Brokerhaus Newedge. Fakt ist jedenfalls, kaum ein Investor will derzeit Schuldverschreibungen des Landes kaufen.

In den vergangenen Wochen schnellten die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen zeitweise auf über 17 Prozent - gleichzeitig gingen die der anderen Schuldenstaaten Italien, Spanien und Irland zurück. Anders als bei ihnen ist der Dezember-Geldregen der EZB für Europas Banken von 489 Mrd. Euro bisher nicht in Portugal angekommen. Stattdessen herrscht Angst: Wer portugiesische Papiere im Depot hat, muss für die Absicherung eines Pakets von zehn Mio. Euro über fünf Jahre mittlerweile 7,7 Mio. Euro zahlen, die Hälfte in Vorkasse. Höhere Prämien muss nur bezahlen, wer griechische CDS kauft.

Sparkurs zehrt an Wirtschaftskraft

Das Misstrauen speist sich unter anderem aus dem Blick auf die Konjunkturdaten. Der harte Sparkurs zehrt an der Wirtschaftskraft des Landes. Die Zentralbank erwartet dieses Jahr einen Wirtschaftseinbruch um 3,1 Prozent nach einem Minus von 1,6 Prozent 2011. Kommendes Jahr rechnet sie mit Stagnation. Eine Reuters-Umfrage unter Analysten ergibt ein ähnliches Bild. Das Geschäftsklima und das Verbrauchervertrauen sind im Keller wegen sinkender Einkommen und flächendeckend steigenden Steuern.

Die Zahlen sind allerdings besser als in Griechenland. Dort geht die Regierung - noch - von einem Schrumpfen der Wirtschaft in diesem Jahr um drei Prozent nach minus sechs Prozent 2011 aus. Auch beim Blick auf die Verschuldung steht Portugal etwas besser da. Während sich der griechische Schuldenberg auf 163 Prozent der Wirtschaftskraft (BIP) summiert, sind es in Portugal gut 100 Prozent. In Deutschland liegt die Quote bei rund 80 Prozent.

Portugal werde alles tun

Der portugiesische Premierminister Pedro Passos Coelho hatte zuletzt beim EU-Gipfel am Montag betont, das Land werde weder um mehr Geld noch um mehr Zeit für Reformen bitten. Am späten Dienstag schob er nach, Portugal werde alles tun, um das Hilfsprogramm zu erfüllen, „egal zu welchen Kosten“. Das Land wird vom Euro-Rettungsschirm EFSF und vom IWF mit einem Rettungspaket im Umfang von 78 Mrd. Euro gestützt, das 2014 auslaufen soll. Ab Ende 2013 soll sich der Staat wieder selbstständig über langlaufende Staatsanleihen am Kapitalmarkt refinanzieren.

Für Portugal spricht, dass es bei der Umfinanzierung seines Schuldenbergs unter deutlich geringerem Druck steht als Griechenland. Nach Angaben seiner Schuldenagentur müssen im Juni 10,1 Mrd. Euro abgelöst werden; das Geld dafür steht bereits über das Hilfspaket bereit. In Griechenland ist es in diesem Jahr die dreifache Summe - hinzu kommt die Unsicherheit, ob der Schuldenschnitt gelingt und es weitere Hilfen gibt. Im kommenden Jahr sieht es ähnlich aus: Portugal muss einmal - im September - 9,7 Mrd. Euro umschulden, Griechenland muss im Jahresverlauf alte Anleihen über 22 Mrd. Euro ablösen.

Analysten wie Russ Koesterich vom ETF-Anbieter iShares, der zum US-Vermögensverwalter BlackRock gehört, sehen Portugal letztlich in einer Zwischenstellung zwischen Italien und Spanien auf der einen und Griechenland auf der anderen Seite. In welche Richtung das Pendel schwingen wird, lässt sich kaum sagen. (Reuters)

(Matthias Sobolewski und Andrea Lentz sind Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuters)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Do, 02.02.2012  16:39
aktualisiert: Fr, 03.02.2012  12:16
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