03.02.2012, 01:50  Aktualisiert: 03.02.2012, 13:07 
Handymarkt

Übernahme besiegelt: „3“ schluckt Orange, A1 sagt „Yesss!“

In Österreich wird es somit künftig nur noch drei Handyfirmen geben, die Telekom Austria, T-Mobile und „3“.
„3“ übernimmt Orange: Der österreichische Mobilfunkmarkt schrumpft somit von vier auf drei Anbieter.
Foto: EPA

Wien - Der Kauf von Orange durch „3“ ist perfekt. Heute, kurz nach Mitternacht, haben die beiden kleinsten Handynetzbetreiber Österreichs ihre Ehe besiegelt. Die Übernahme soll „3“ langfristig bis zu 500 Mio. Euro an Kostenersparnis bringen, teilte „3“ mit. Ob damit ein Mitarbeiterabbau verbunden ist wurde nicht ausgeführt. Beide Unternehmen haben zusammen knapp 1.300 Mitarbeiter. Für die Kunden soll sich zunächst nichts ändern.

1,3 Milliarden Euro für Orange

Der Hongkonger Mischkonzern „3“ hat sich den Kauf der France Telecom-Tochter Orange 1,3 Mrd. Euro kosten lassen, nimmt aber davon 390 Mio. Euro durch den Weiterverkauf der Orange-Diskonttochter „Yesss!“ an Marktführer A1 wieder ein. Der Weiterverkauf an die Telekom (A1) war laut Branchenbeobachtern aus Wettbewerbsgründen notwendig.

Yesss! hatte zuletzt laut Firmen-Compass lediglich 15 Mitarbeiter und deutlich rückläufige Umsätze. Allerdings hat A1 auch die Markenrechte von „One“ erworben. Marktbeobachtern zufolge sollen diese vor dem Markenwechsel von „One“ zu „Orange weit über 100 Mio. Euro wert gewesen sein.

„Im Zuge der Veräußerung werden bestimmte Frequenzen, Sendestandorte und geistige Schutz- und Urheberrechte, (...) an die Telekom Austria Group verkauft“, so „3“ zu den weiteren Assets des Einkaufs. Abhängig vom Erfolg des Integrationsprozesses hat „3“ eine Zahlung von bis zu 70 Mio. Euro an den Finanzinvestor Mid Europa Partners für zwei Jahre nach Abschluss der Transaktion vereinbart. Mid Europe Partners hielt 65 Prozent an Orange, 35 Prozent gehörten France Telecom.

Genehmigung durch Wettbewerbsbehörde

Nach Eigenangaben hat „3“/Orange 2,8 Millionen Kunden und einen Marktanteil von 22 Prozent bei gemeinsamen Erlösen von über 700 Mio. Euro. „Die Genehmigung der Übernahme durch die Wettbewerbsbehörden wird Mitte 2012 erwartet. Bis dahin agieren H3G Austria und Orange Austria unabhängig am Markt“, so „3“. Für die Unternehmen gilt bis zur wettbewerbsrechtlichen Genehmigung ein Vollzugsverbot

„Die Kunden von Orange Austria genießen in Zukunft das superschnelle 3MegaNetz sowie hohe Netzabdeckung und Netzqualität. In Zukunft profitieren alle 3-Kunden von einer weiter steigenden Netzqualität sowie von Innovation und Service infolge des vergrößerten Frequenzspektrums, des erweiterten Vertriebsnetzes und der Effizienzgewinne, die der Zusammenschluss möglich macht“, jubelte „3“.

Marktführer A1 teilte mit, dass für Yesss! „bis zu“ 390 Mio. Euro an „3“ gezahlt wurden und damit neben der Diskont-Tochter selber auch Frequenzen und bis zu 634 Basisstationen von „3“ erworben wurden. „Die Akquisition der oben erwähnten Vermögensgegenstände wird aus dem bestehenden Cashflow der Telekom Austria Group finanziert“, so die Telekom. Diese hatte vor zwei Monaten die Dividende für 2011 und 2012 auf 0,38 Euro pro Aktie halbiert.

Yesss! hat 740.000 Kunden und erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von 56,4 Millionen Euro. Der von der Telekom Austria Group vielbeachtete Cash Flow betrug 2,37 Mio. Euro. Yesss! bietet Sprachtelefonie, SMS und Datendienste im Wertkarten- und Vertragskundensegment. „Der Kauf ermöglicht es Telekom Austria Group Kunden zu gewinnen, welche die bestehende Kundenbasis ergänzen“, so die Telekom.

Vorteile für Kunden

Orange-Chef Michael Krammer (51) erwartet von der Übernahme von Orange durch „3“ (Hutchison) Vorteile für die Kunden und den Wirtschaftsstandort. Denn ohne dieser Marktbereinigung wäre der Preiskampf auf Kosten der Netzinvestitionen und der Servicequalität gegangen, meinte er am Freitag im Gespräch mit der APA. Letztendlich bringe die Konsolidierung den Kunden günstigere statt teurere Preise. Für die Kunden ändert sich zumindest im nächsten halben Jahr nichts, beide Marken würden unabhängig voneinander weiter geführt.

Wie es mit ihm selbst weitergeht wollte Krammer nicht kommentieren, Chef des fusionierten Unternehmens werde er jedenfalls „sicher nicht“. Der ehemalige Bundesheer-Offizier und leidenschaftliche Radfahrer hatte die Marke „tele.ring“ groß gemacht und mit dem Slogan „Weg mit dem Speck“ den beinharten Preiskampf in Österreich eingeläutet. Vor seinem Wechsel an die Spitze von Orange war Krammer Chef des deutschen Mobilfunkers ePlus.

Er wird branchenintern als potenzieller Nachfolger von Telekom-Chef Hannes Ametsreiter gehandelt, sollte dieser über die zahlreichen Affären in der Telekom Austria stürzen. Gestern war bekanntgeworden, dass der komplette ehemalige Vorstand der Telekom in den Korruptionsskandalen von der Justiz als Beschuldigte geführt wird. Ametsreiter selbst war zu dieser Zeit allerdings nicht Mitglied des Vorstandes, sondern Marketingchef der Mobilfunktochter Mobilkom. Der Vater dreier Kinder und Hobbysportler könnte es sich nach dem seinerzeitigen Verkauf von tele.ring an T-Mobile Austria auch leisten, in den Frühruhestand zu gehen.

Die größten Synergieeffekte durch die Übernahme von Orange durch „3“ sieht Krammer in der Technik. Derzeit habe Orange rund 5.000 und „3“ um die 4.000 Standorte, künftig würden lediglich bis zu 6.000 Masten benötigt.

Größte Elektrohandelskette des Landes

Krammer übergibt mit Orange eines der 150 größten Unternehmen des Landes. Marktbeobachter wunderten sich bei auftauchen der Übernahmegerüchte, wie es sein könne das die profitable Orange von einem Unternehmen gekauft werde, dass selbst nach Jahren nur sehr schwer aus den Startlöchern kam. Branchenweit war erwartet worden, dass bei einer Marktkonsolidierung „3“ geschluckt werde. Aber es wurde die Rechnung ohne Hutchison-Konzernchef Li Ka-Shing gemacht, der sehr viel Geld in die Hand nahm und einen gewaltigen Netzausbau initiierte sowie die Konkurrenz mit Kampfpreisen irritierte. Ka-Shing war mit 12 Jahren von China in die damalige britische Kronkolonie Hongkong geflüchtet und gilt heute als reichster Mann Asiens.

Bis Ende 2010 hatte Orange nach Eigenangaben rund 2 Mrd. Euro in Österreich investiert und damit zuletzt 99 Prozent der österreichischen Bevölkerung mit GSM und knapp drei Viertel mit UMTS/HSPA+ versorgt. Mit mittlerweile 97 Orange Shops und über 1.700 Vertriebsstellen verfügt Orange über das größte Shop-Netz aller Betreiber und ist nach Hartlauer zur größten Elektrohandelskette des Landes aufgestiegen. Dem Vernehmen nach soll sich die Orange-Mutter France Telecom nach dem Ausstieg in der Schweiz und Österreich auch von den Beteiligungen in Portugal und Rumänien trennen wollen.

Bei Zusammenschlüssen von Mobilfunkunternehmen in Österreich ist - neben den Zuständigkeiten der Wettbewerbsbehörden - vorab die Genehmigung der Telekom-Control-Kommission (TKK) einzuholen, hieß es am Freitag von der Regulierungsbehörde zur APA. Anknüpfungspunkt für die Zuständigkeit der TKK ist die Nutzung von Frequenzen, die in diesem Fall von der TKK für den Staat verwaltet werden. Prüfungsgegenstand ist der Wettbewerb. Wenn durch einen Zusammenschluss oder eine Frequenzüberlassung der Wettbewerb beeinträchtigt wird, sind entsprechende Auflagen zu verhängen. Ist aber zu befürchten, dass trotz der Auferlegung von Auflagen der Wettbewerb durch die (geänderte) Frequenzverwendung beeinträchtigt wird, ist die Änderung der Frequenznutzung zu untersagen. Bisher wurde der Regulierungsbehörde eine Übernahme noch nicht angezeigt.

Wettbewerbshüter können es sich nach APA-Informationen nur schwer vorstellen, dass auf einem Markt eine Reduktion von vier auf drei Unternehmen keine Auswirkungen auf den Wettbewerb hat. Dies gelte insbesondere für den Mobilfunksektor, von dem ein hoher Wettbewerbsdruck auch auf das Festnetz ausgehe.

„Paket so schwer vorstellbar“

Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) hat massive Bedenken wegen des „3“/Orange/Yesss!-Deals. „Ein Okay für dieses Paket ist, so wie es derzeit ausschaut, schwer vorstellbar“, sagte BWB-Sprecher Stefan Keznickl am Freitag zur APA. Die Übernahme von Orange durch „3“ und der Weiterverkauf von Yesss! an A1 bedeute eine Reduktion auf drei Anbieter „und damit eine Reduktion des Wettbewerbs“. Keznickl schränkte aber ein, dass der Behörde derzeit noch keine näheren Informationen der Netzbetreiber vorliegen würden.

Die Orange-Übernahme muss bei den Wettbewerbshütern in Brüssel beantragt werden, da der weltweite Umsatz der beteiligten Konzern mehr als 5 Mrd. Euro beträgt. Hinter „3“ steht der chinesische Konzern Hutchison, hinter Orange steht France Telecom. Aus der Branche ist allerdings zu hören, dass die BWB trotzdem gerne in den Deal eingebunden gewesen wäre. Aber es ist ohnehin davon auszugehen, dass sich die EU-Kommission bei der BWB schlau macht. „3“ und Orange gehen davon aus, dass sie im Sommer des heurigen Jahres grünes Licht der Wettbewerbshüter bekommen. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 03.02.2012  01:50
aktualisiert: Fr, 03.02.2012  13:07
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