Nach Juden-Sager: Straches Version wackelt
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Eine Ball-Begleitung durch Verfassungsschützer habe es für Strache nicht gegeben, bestätigt die Wiener Polizei.
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER
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Wien, Paris – Heinz-Christian Strache sieht sich als Opfer einer „parteipolitisch motivierten Schlammschlacht“. Seine umstrittenen Aussagen am WKR-Ball vor einer Woche seien von einem Journalisten des Standard gezielt verdreht und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er habe niemals die Ballbesucher mit den im November-Pogrom verfolgten und ermordeten Juden verglichen. Doch sowohl der Redakteur des Standard, der bei Straches „Juden-Sager“ dabei gewesen sein soll, als auch die Wiener Polizei, lassen Zweifel an der Version des FPÖ-Chefs aufkommen. Auch der FP-Widerspruch variiert.
„Strache wurde am Ball vom fraglichen Journalisten angesprochen, der ihn um ein Autogramm bat, ohne sich als Medienvertreter kenntlich zu machen. Im weiteren Verlauf entwickelte sich ein Gespräch, an dem auch ein älteres Ehepaar und der Geschäftsführer des Freiheitlichen Bildungsinstituts Klaus Nittmann plus Begleitung teilnahmen“, hieß es am Mittwoch in einer Aussendung von FPÖ-Generalsekretär Harald Villimsky. Das entspricht bis auf Nittmanns Begleitung den Berichten des Standard. Strache selbst hatte aber behauptet, der Journalist habe offenbar ein Privatgespräch zwischen ihm und Nittmann belauscht. Der Standard wies diese Aussage „ausdrücklich“ zurück.
Bei dem Privatgespräch seien Verfassungsschutzbeamte anwesend gewesen, die ihn begleitet hatten, erklärte Strache er in der ZIB2 am Dienstag. Die Wiener Polizei dementiert dies. Villimsky sagte daraufhin zum ORF, es komme darauf an, „wie man Begleitung definiert“. Auch Strache verbesserte sich: Die Polizisten seien lediglich „im Umfeld“ gestanden.
„Ausdrücklich keine Begleitung“
Es habe „ausdrücklich keine Begleitung von Strache“ gegeben, bestätigte die Wiener Polizei am Donnerstag erneut gegenüber dem Standard. Es seien drei Verfassungsschützer am Ball im Einsatz gewesen. Diese hätten „ausschließlich den Auftrag gehabt, den ungefährdeten Zutritt Straches zum Veranstaltungsort zu gewährleisten, sowie das ungefährdete Verlassen“. Eine Begleitung würde „dem Grundprinzip des Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, wonach einzelne Personen nicht zu begleiten sind, widersprechen“.
Die SPÖ will die Aufregung um Strache unterdessen offensichtlich zu ihren Gunsten nutzen. Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter lädt „bisherige FPÖ-Wähler“ ein, den Freiheitlichen aufgrund des „rechtsradikalen Kurses“ Straches den Rücken zu kehren und stattdessen seine Partei zu wählen. Er bittet auch ehemalige SPÖ-Wähler, „die in den letzten zwei Jahrzehnten zur FPÖ abgewandert sind“, zu ihrer Partei zurückzukehren.
Wien als „Hauptstadt des Walzers und des Rechtsextremismus“
Auch in Frankreich blieb der Ball des Wiener Korporationsrings nicht unerwähnt: Die französischen Medien sind sich einig darin, dass die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, Chefin der „Front National“, mit ihrer Teilnahme an der Veranstaltung einen Fauxpas auf dem Weg zur Verniedlichung des extremistischen Gedankenguts ihrer Partei gemacht hat.
Die Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur etwa erinnerte daran, dass die Burschenschaft nach Angaben des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) eine „neonazistische, pangermanistische und antisemitische Organisation“ sei, „von der man es versteht, dass sie keine Juden auf ihren Ball einlädt“. Das Magazin fragt sich, ob die Ursachen für diesen Ausrutscher in der Vater-Tochter Beziehung von Marine mit dem FN-Gründer Jean-Marie Le Pen zu suchen sei und schreibt: „Letztendlich ist Wien nicht nur die Hauptstadt des Walzers und des Rechtsextremismus, aber auch jene der Psychoanalyse.“ Überdies betonte die linksgerichtete Zeitschrift, Le Pen könne es keinesfalls nicht gewusst haben, dass Martin Graf, der sie gemeinsam mit Strache zum Ball eingeladen habe, „Beziehungen mit neonazistischen Kreisen pflegt“.
„Marine Le Pen tanzt den Pangermanisten Walzer in Wien“, titelte das Wochenmagazin „L‘Express“ und betonte weiter, dass bei dem Ball „jedes Jahr die Auschwitzleugner eine Ovation erhalten“.
„Ball für Nostalgiker des Dritten Reichs“
Die Menschenrechtsorganisation „SOS Rassismus“ verurteilte in einer Aussendung die Teilnahme Le Pens an einem „Ball für Nostalgiker des Dritten Reichs“, der auch noch ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag stattfand und betont weiter: „Martin Graf, Mitglied der FPÖ, ist einer der härtesten und gewalttätigsten Vertreter der extremen Rechten in Europa.“
Marine Le Pen selbst will von dem umstrittenen Charakter des Balls nichts gewusst haben, Und das, obwohl ihr Vater, Parteigründer Jean-Marie Le Pen, erklärte, er habe früher selbst an diesem „herrlichen Ball“ teilgenommen, der das Wien des 19. Jahrhunderts wieder aufnehme. In einer Pressekonferenz verurteilte die FN-Chefin jede Form von Totalitarismus und sprach in Bezug auf die um sie entstandene Polemik von einer „Manipulation“. „Der Nationalsozialismus war ein Horror. Es tut mir manchmal leid, nicht in der Epoche geboren zu sein, um ihn bekämpfen zu können“, betonte Le Pen.
Die Präsidentschaftskandidatin, die sich in Umfragen immer mehr dem Amtsinhaber Sarkozy nähert, suchte seit längerem den Kontakt mit Israel und grenzte sich von den „Gaskammer-Sprüchen“ ihres Vaters ab, um auch jüdische Wähler anzuziehen. Erst vor kurzem hatte sich die „Union der jüdischen Franzosen“ offiziell hinter Le Pens Kandidatur gestellt. (tt.com/APA)
aktualisiert: Fr, 03.02.2012 15:22


