Zwischen Fußball-EM und dem Elend in der Plattenbausiedlung
Von Andreas Tröscher, APA
Charkiw – Wenn Wladimir über seine Heimat, die Ukraine, spricht, dann hört er sich an wie ein betrogener Ehemann, der über enttäuschte Liebe klagt und dennoch nicht aufgibt, trotz gebrochenen Herzens. In vier Monaten startet in Charkiw die EURO 2012. Und ganz Europa wird zusehen.
Wladimir nicht. Wladimir hat keine Zeit für Fußball. Wladimir ist Sozialarbeiter. Nur einen Steinwurf vom Fußball-Tempel entfernt – in Saltovka, einer der größten Plattenbausiedlungen der Welt. Minus 20 Grad rütteln an den Fenstern, die sich nach Dichtungen verzehren. Gasflammen flackern den ganzen Tag, damit die Innentemperatur nur ja nicht mit jener von draußen zu einem unerträglichen Eisklumpen gefriert. Anna und Julia kommen gerade aus Wladimirs Kinderzentrum, mit einem Lebensmittelpaket unterm Arm. Sie durften dort spielen, tanzen, malen, lesen, sogar am Computer tippen.
Man ist bereit, die EURO kann kommen, am besten gleich morgen. Ein VIP-Raum größer als der andere, mondäne Umkleideräume, 38.000 Plätze im frisch aufgemotzten Stadion harren schneebedeckt dem Sitzfleisch gut betuchter Fußball-Fans. Zu verdanken habe man das alles Oleksandr Jaroslawskyj, erklärt der ehemalige Akteur und nunmehrige Stadion-Guide in tiefster Überzeugung. Seit 2004 ist Jaroslawskyj Präsident von Metalist Charkiw. Doch der Mann kann noch viel mehr. Wladimir wirkt müde und ausgelaugt, aber auch glücklich und zufrieden. Seit 15 Jahren zieht er nun schon soziale Projekte in Charkiw hoch, für Straßenkinder, Sozialwaisen und für die Alten, denen außer Wehmut und Sehnsucht nach ihrer Sowjetunion nichts geblieben ist. Sie können mit dem, was seit 20 Jahren in der Ukraine passiert, nichts anfangen, sie haben längst die Orientierung verloren. Mit ihren mickrigen Pensionen schaffen sie es oft nicht einmal, sich die nötigen Medikamente zu leisten. Hinter Eisblumenfenstern warten sie auf den Frühling und hoffen, ihn noch zu erleben.
Jaroslawskyj, ehemaliger Polizist und nunmehr Baulöwe, gilt als einer der reichsten Männer der Ukraine. Der 52-jährige Fußball-Mäzen schenkte der Stadt noch zusätzlich ein nagelneues Flughafengebäude, vergaß dabei auch nicht auf die nötigen Hotels und wird auch bei der Straßensanierung mitmischen. Aber keine Sorge, er beweise auch soziale Kompetenz, versichert man beim Rundgang durch das Stadion.
Anna und Julia sitzen am Sofa, ihr Vater in Unterwäsche daneben auf einem Sessel. Der 36-Jährige ist dauerarbeitslos, noch dazu unlängst am Eis ausgerutscht und schleppt sich seither mit Krücken und Gipsbein von Zimmer zu Zimmer. Ja, so sei das eben in Saltovka, diesem „wunderbaren Ort“, diesem „letzten Atemhauch der Sowjetzeit“, wie Wladimir hinzufügt. Erst kürzlich hätten sich die ersten Geschäfte angesiedelt. Vorher sei das lediglich ein riesiger Schlafplatz gewesen. Für 800.000 Menschen. Mehr als die Hälfte von Charkiw lebt in heruntergekommenen Plattenbauwohnungen.
„Durch die EURO werden sich die Ukraine und Europa näherkommen“, so ein einheimischer Journalist voller Vorfreude. Man könne endlich zeigen, dass es mehr gebe als nur Tschernobyl und Korruption, ergänzt der Chefredakteur einer Internetplattform. Die Erwartungshaltung im Land scheint enorm. Endlich im Mittelpunkt, endlich Wahrnehmung. Einen Monat lang. Und dann?
Nichts, winkt Wladimir ab, nichts werde nachher sein. Alles wie bisher. Profitieren würden nur ein paar wenige. Darum hat er keine Zeit für Fußball. Er muss schauen, wie er Geld „aufstellt“. Das meiste kommt übrigens aus Österreich, von der Caritas. Und Wladimir weiß: Wenn der Geldfluss aus dem kleinen, reichen Land im Westen versiegt, dann ist alles aus. Für Anna, Julia, für all die anderen Kinder im Tageszentrum. Und für die Alten hinter den Eisblumenfenstern.


