12.02.2012
Österreich

Jesus Christ‘s Superstars

Wiens Dompfarrer als Society-Löwe, der Linzer Tierpfarrer als Reiseleiter im Zoo, singende Mönche in den Charts: Ist das längst die Selbstvermarktung der Apostel oder nur die Antwort der Kirche auf die Seitenblickegesellschaft?
Keine Berührungsängste: Toni Faber mit Verona Pooth. Sie und Franjo waren 2005 das erste Paar nach rund 15 Jahren, das sich das Jawort vor dem Hauptaltar im Stephansdom geben durfte. Tierpfarrer Franz Zeiger (r.) gibt im Sommer auch den Zootourenführer.Fotos: APA/Pfarrhofer, Holzleitner
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Von Elke Ruß

Der Wiener Dompfarrer Toni Faber zog nicht erst mit einer Alkoholfahrt die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Seine Omnipräsenz auf dem gesellschaftlichen Parkett trug ihm längst die Spitznamen „Lugner der Kirche“ und „Harald Serafin der Kirche“ ein.

Immer für Schlagzeilen gut ist auch der Linzer Tierpfarrer Franz Zeiger: mit Tiersegnungen, die er auch via Internet anbietet, mit einer Kandidatur für den Tierschutzverein, Band-Auftritten, einer Pfarrkater-Ballade und einem gemeinsamen „Don-Camillo-und-Peppone-Gschnas“ mit der SPÖ. Damit nicht genug: Im heurigen Sommer mimt er für einen Reiseveranstalter den Zootourenführer, der mit den Teilnehmern deutsche Tierparks und das Musical „König der Löwen“ ansteuert.

Nicht zu vergessen die singenden Mönche von Heiligenkreuz: Sie stiegen mit ihrer CD „Chant“ gleich bis in den Platinhimmel der Tonträgerindustrie auf.

Sind sie damit denn noch glaubwürdige Botschafter Jesu Christi oder bloß noch Superstars der Selbstvermarktung? Eine Religion sei dann lebendig, wenn die religiösen Menschen und Führer Zeigenossen sind, kontert der Innsbrucker Theologie-Dekan Józef Niewiadomski. „Als Zeitgenossen haben sie auch Anteil an allen Hypes ihrer Zeit.“ Als Zeitgenossen seien sie auch schillernd und widersprüchlich. „Wann war denn der Pfarrer ein guter Pfarrer? Wenn er mit den Leuten im Gasthaus gesoffen hat! Dann haben sie gesagt: Der versteht uns!“

Die Logik, in der Verkündigung publikumswirksame Wege zu wählen, sei nicht neu: „Der Prophet Jesaia ist mit nacktem Arsch auf die Straße gelaufen, um Aufmerksamkeit zu erregen.“ Und die Seitenblickekultur habe es schon im Dorf gegeben, „wo eine Nachbarin geschaut hat, was die andere tut“. Die heutige Art der Seitenblickekultur hätten allerdings „zuerst die elektronischen Medien geschaffen“, betont Niewiadomski.

Er zieht den Begriff „Icon“ (Abbild) heran: Eine Ikone vergegenwärtige das Heilige, sie sei immer durchlässig und weise auf Gott oder zumindest auf eine andere Person hin. Auch der biblische Prophet habe nur auf die drohende Katastrophe hinweisen wollen. „Die Ikone der Seitenblickewelt hingegen weist nur auf sich selbst hin.“ Manchmal würden Christen, Priester oder Ordensleute aber auch „zu medialen Ikonen erhoben“, betont er. „Eine solche Ikone ist der Dalai Lama und immer der jeweilige Papst.“

„Klappern gehört zum Handwerk“, wird Tierpfarrer Zeiger von der APA zitiert. Die Society-Umtriebe seien gut fürs Geschäft, argumentiert Dompfarrer Faber. Doch wo sind die Grenzen zwischen Mediengeilheit und zeitgemäßer Verkündigung? Wenn Faber in die Seitenblicke geht, ist das für Niewiadomski in Ordnung, „wenn er auch ins Gefängnis geht. Ist er denn noch Pfarrer? Ja – wenn er noch wahrnimmt, dass es in unseren Großstädten auch Obdachlose gibt.“ In die Gesellschaft zu gehen, weil man dort etwas bewirken könne, sei eine klassische 68er-Strategie. „Aber wenn es keinen Unterschied mehr gibt zwischen einem Arnold Schwarzenegger und einem Toni Faber, dann liegen beide falsch – und der Unterschied kann nicht im Bekanntheitsgrad liegen!“

Für den Theologie-Dekan ist auch der Tierpfarrer so lange Seelsorger, „solange er sich um die Seelen kümmert. Aber um die der Menschen, denn nach kirchlichem Standpunkt haben Hunde keine Seele.“

Die auf CDs gebrannte Gesangskultur der Mönche von Heiligenkreuz sei aus ihrer Ordensregel entstanden und habe nur ihre Berechtigung, wenn sie dort verortet sei. Die Mönche, die inzwischen auch viel Zulauf zur Messe haben, würden auch sehr wohl versuchen, sich durch Grenzziehungen zu schützen, weiß Niewiadomski. „Aber die Versuchung der Popularität ist da.“

Der Grat ist schmal, erinnert er an die singende Nonne „Soeur Sourire“: Ihr Lied „Dominique“ zu Ehren des Ordensgründers wurde in den 1960er Jahren ein Hit, der sogar in einen Film mündete. Doch die Spannung zwischen Ordensregel und Prominenz wurde zu groß. Jeanine Decker trat aus – und scheiterte als weltliche Sängerin. „Sie ist zum Star geworden, weil sie Nonne war. Als Sängerin war sie eine von Tausenden.“

Doch wo ist eigentlich der Aufreger, wenn kirchliche Würdenträger das Rampenlicht suchen? Weihwasser, güldene Gewänder, lateinische Zauberformeln, lange noch mit dem Rücken zum Volk zelebriert – war speziell die katholische Kirche nicht immer schon auf Show angelegt? Auch da gebe es ein Auf und Ab, sagt Niewiadomski. Nach exzes­si­vem „Brimborium“ in der Vergangenheit hätten die Generationen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bewusst eine liturgische Schlichtheit favorisiert, die als befreiend erlebt wurde. „Jetzt hat man das Gefühl, dass die Menschen die gedie­ge­nere Form wieder schätzen“, glaubt der Theologie-Dekan. Religion sei eben „Alltag plus die Faszination des Geheimnisses – und das Geheimnis braucht mittelfristig außergewöhnliche Formen“.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 12.02.2012
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