Patienten wurden zu Tode operiert
![]()
Bei Patienten mit Multipler Sklerose wurde wissentlich in einer Operation Gelbsucht in den Versuchen erzeugt.Foto: Shutterstock
Foto:
|
||
Von Brigitte Warenski
Innsbruck – Das Schicksal von Patienten, die an Multipler Sklerose (MS) litten, wurde im Operationssaal der Innsbrucker Psychiatrie und Neurologie besiegelt. Hubert Urban, von 1949 bis 1958 Leiter der Klinik, entschied sich gemeinsam mit einem Chirurgen, operativ Gelbsucht (Hepatitis) zu erzeugen. Für die Menschenversuche wurden in den 50er-Jahren Patienten „temporär die Gallenkanäle abgeklemmt“, bestätigt Ex-Psychiatriechef Hartmann Hinterhuber, der die Geschichte der Psychiatrie aufgearbeitet hat, gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Doch die Menschenversuche schlugen fehl: „Einige der Patienten sind gestorben und die Versuche wurden daraufhin abgebrochen, weil sie sich als nicht erfolgreich erwiesen haben“, so Hinterhuber, der als Einziger die Akte „Urban“ besitzt.
Nicht gelten lassen will Hinterhuber, dass Urban als „verrückter Exzentriker“ bezeichnet wird. Urban habe sich zwar mit der Hautfarbe der Menschen beschäftigt, entgegen „bösartigen Zungen“ sei es aber nicht darum gegangen, zu beweisen, „dass die gelbe Rasse besser ist“. Urban war laut Hinterhuber 1947/48 als Gastprofessor in Peking tätig und hat sich dort in einer Studie mit dem Thema MS beschäftigt. „Er kam dabei zum Schluss, dass bei pigmentierten Völkern die Krankheit seltener vorkommt. Zudem war Urban davon überzeugt, dass ein Infekt die Kräfte gegen eine vorliegende Hauptkrankheit mobilisiert.“
„Als falsch“ bezeichnet Hinterhuber Behauptungen, wonach Urban – ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten – vom Kommunismus beseelt war, wie sich seit Jahrzehnten das Gerücht an der Psychiatrie hält. Drei Psychiater, die anonym bleiben wollen, erzählen die Geschichte Urbans anders: „In China fand er Menschen, die systemtauglich funktionierten, und er wollte versuchen, auch bei uns solche Menschen zu kreieren. Dafür musste er sie aber mit Gelbsucht infizieren.“ Für Hinterhuber gibt es für diese These keine Beweise. „Im Gegenteil, die Psychiatrie verdankt Urban, dass sich ein moderner Weg aufgetan hat.“
Dass Urbans Experimente dennoch nicht ohne Folgen blieben, zeigt seine Biographie: 1958 wurde er suspendiert, wobei man damals als Amtsenthebungsgrund „nicht nachvollziehbare Personalentscheidungen“ nannte. Der von der Hirnforschung besessene Neurologe übersiedelte 1961 in die DDR, wo er an das Hirnforschungsinstitut in Leipzig berufen wurde. Nach dem Tod von Urban (1997) wird für immer unklar bleiben, ob die Patienten mit den Versuchen einverstanden waren, „denn die Krankenakten liegen nicht vor“. Eine Einverständniserklärung – wie wir sie heute kennen – gab es damals nicht. Ob die Versuche ethisch korrekt waren, stand auch nicht zur Diskussion. „Eine Ethikkommission und einen Kodex, wie wir sie in Innsbruck als Vorreiter schon über 25 Jahren haben, kannte man auch nicht.“ Dass auch andere Ärzte und Wissenschafter in Innsbruck Menschenversuche durchgeführt haben, kann Hinterhuber nach eigenen Angaben „mit Sicherheit“ ausschließen.
Zweifelhafte psychiatrische Anwendungen wie die Insulinkomatherapie gab es aber auch in Innsbruck. Sie wurde an der Psychiatrie bis in die 60er-Jahre angewendet, um Symptome vor allem von Depression und Schizophrenie zu behandeln. Durch die Verabreichung von Insulin wurde eine Unterzuckerung künstlich herbeigeführt und der Patient wurde so über mehrere Minuten im Koma gehalten, was zu schweren geistigen irreversiblen Schäden und zum Tod führen konnte und auch in weltweit belegten Fällen geführt hat. „Man hat in Innsbruck nichts Ungesetzliches getan. Das war damals eine gängige und anerkannte Behandlung, weil man bei schweren psychischen Erkrankungen noch keine geeigneten Medikamente hatte“, verteidigt Innsbrucks Psychiatriechef Wolfgang Fleischhacker die Therapie.


