Die Versäumnisse des Lebens
Fünf Dinge, die Sterbende bereuen
1. „Hätte ich doch den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu führen.“ Viele der Befragten fanden es schade, ihre Träume nicht gelebt zu haben. 2. „Hätte ich doch nur nicht so viel gearbeitet.“ Vor allem Männer bedauerten die mangelnde Zeit für Familie, Kinder und sich selbst. 3. „Hätte ich nur den Mut gehabt, meine Gefühle zu zeigen.“ Viele der Sterbenden haben aus Angst oder um des lieben Friedens willen ihre Gefühle unterdrückt. 4. „Hätte ich nur den Kontakt zu meinen Freunden erhalten.“ Befragte beklagten, nicht genügend Zeit für Freunde gehabt zu haben. 5. „Hätte ich mir doch nur erlaubt, glücklicher zu sein.“ Viele haben das getan, was andere von ihnen verlangt haben, obwohl sie gerne aus ihrer Gewohnheit ausgebrochen wären.
Buchtipp: „The Top Five Regrets of the Dying: A Life Transformed by the Dearly Departing“, Bronnie Ware, ca. 22 Euro, über Amazon (nur auf Englisch) erhältlich.
Von Nicole Unger
Innsbruck – „Im nächsten Leben würde ich versuchen, viel mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin.“ Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht von Jorge Luis Borges. Der argentinische Schriftsteller verfasste diese Lebensweisheit mit 85 Jahren, zwei Jahre vor seinem Tod. Er nannte sein Werk „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte“.
Rückblickend gesehen, würde wahrscheinlich jeder Mensch gerne die Return-Taste drücken und einige Dinge im Leben anders machen. Eine australische Betreuerin von Palliativpatienten hat sich nun genau mit dieser Thematik beschäftigt. Bronnie Ware hat über Jahre festgehalten, was Sterbende an ihrem Leben am meisten bereuten und darüber ein Buch unter dem Titel „The Top Five Regrets of Dying“ geschrieben (siehe Infobox).
Die meistgenannten „Reue-Punkte“ waren: Hätte ich den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu führen. Lieber weniger gearbeitet. Mehr Gefühle gezeigt. Den Kontakt zu Freunden nicht verloren. Mir erlaubt, glücklicher zu sein.
Mit den genannten Versäumnissen wollte Ware nicht Angst machen, sondern vielmehr Lebende motivieren, über das Leben nachzudenken. Die Innsbrucker Psychotherapeutin und Hospiz-Trauerbegleiterin Susanne Jäger findet diesen Ansatz sehr interessant: „Es ist spannend zu sehen, wie das Leben von hinten aufgerollt aussieht. ‚Weichere‘ Werte werden scheinbar wichtiger. Leistung, Erfolg, Geld und Macht spielen hingegen eine untergeordnete Rolle.“
Ein bisschen verrückter sein, mehr riskieren, mehr reisen, das Leben mehr genießen, den Job kündigen, zu seinen Gefühlen stehen. Fast jeder kennt diese Wünsche, die tief im Inneren schlummern. Trotzdem ist es nicht einfach, aus seinem Lebensrhythmus auszubrechen. Es braucht sehr viel Mut dazu. „Veränderung bedeutet immer, seine Komfortzone zu verlassen, obwohl die Gewohnheiten des Alltagstrotts verlockend sind“, erklärt die Psychotherapeutin.
Wie schafft man es nun aber trotzdem, sein Leben zu verändern, ohne im Nachhinein Versäumtes beklagen zu müssen? „Das größte Schritt ist, sich zu fragen: Was sind meine Lebensziele und meine wahren Bedürfnisse“, rät die Expertin. Während sich Menschen in der ersten Lebenshälfte oftmals weniger Gedanken über die Endlichkeit machen, wird einem diese in der zweiten Hälfte meist bewusster. Körperliches Wohlbefinden, Zugehörigkeit, Respekt, Gemeinschaft, Kreativität und Spiritualität spielen bei vielen plötzlich eine größere Rolle als die Aussicht auf Reichtum und Erfolg. „Es ist wichtig, im Hier und Jetzt zu leben und auf seine echten Bedürfnisse zu schauen, dann stellt sich auch die Zufriedenheit ein“, sagt Jäger.
Manchmal sind es sogar die Krisen, die Menschen dazu veranlassen, ihr Leben zu überdenken. Sei es eine Scheidung oder eine Krankheit – viele Betroffene erzählen, dass sie sich, wenn sie eine schwierige Situation übertaucht haben, auf wichtige Dinge besonnen haben. „Der Begriff Krise besteht im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen. Es setzt sich aus Gefahr und Chance zusammen“, erzählt Jäger. Zu denken, es gäbe ein krisenloses Leben, sei ein Irrglaube. „Das Leben besteht aus Krisen und Pausen. Das ist die Norm.“
Auch wenn sie manchmal verdrängt wird, es schade nicht, sich mit der eigenen Endlichkeit anzufreunden. Sie ist Realität und genauso unerklärlich wie die Geburt. „Das Leben ist immer unvollendet, egal wann es aufhört“, sagt die Fachfrau.
Darum sollte man das Beste daraus machen. Schriftsteller Jorge Luis Borges hat gemeint: „Wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben. Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben. Nur aus Augenblicken. Vergiss nicht den jetzigen.“


