22.02.2012, 12:11 
International

Iranische Bevölkerung im Visier der Sittenwächter

Neun Tage vor den neunten Parlamentswahlen am 2. März startet die iranische Führung eine Offensive der Sittenwächter. Das Regime versucht, jeglichen Protest im Keim zu ersticken.
Das Regime will jeglichen Protest, wie er nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 aufflammte, diesmal schon im Keim ersticken.
Foto: EPA

Von Arian Faal, APA

Teheran – „Halten Sie sofort an und zeigen Sie mir Ihre Papiere, aber schnell“. Diesen Satz hört man derzeit oft im Iran. Mit grimmigem Blick, schwarzem Tschador und einem schroffer Umgangston sind die Frauen von der Zensur- und Sittenbehörde gemeinsam mit den paramilitärischen Bassij-Milizen und den Polizei -und Revolutionsgarden im Dauereinsatz und verwarnen, verhaften oder bestrafen an mehreren Hauptverkehrsknotenpunkten der iranischen Millionenmetropole Teheran vor allem Jugendliche, die sich nicht an den islamischen Sittenkodex halten.

Es ist kalt an diesem Mittwochvormittag. Der Alltag nimmt seinen gewohnten Lauf, die Straßen sind wie immer überfüllt mit Autos, nur die Polizeipräsenz hat in den letzten Tagen kontinuierlich zugenommen. Neun Tage vor den neunten Parlamentswahlen am 2. März startet die iranische Führung eine Offensive der Sittenwächter, warnt die Bevölkerung vor etwaigen Demonstrationen gegen das Regime und droht allen „Feinden der islamischen Republik“ mit rigorosen Reaktionen.

Das Regime scheint nervös zu sein

Parallel zu den Personenrazzien wurde das Internet erneut verlangsamt, um der Opposition vor der Wahl keine Kommunikationsplattform zu bieten. Bitterer Beigeschmack für das Regime: So kam es, dass selbst staatliche Seiten wie die der amtlichen Nachrichtenagentur IRNA stundenlang nicht zur Verfügung standen. Zudem hat eine Spezialeinheit des Innen- und Geheimdienstministeriums wieder einmal damit begonnen, Satellitenschüsseln, mit deren Hilfe man westliche Programme empfangen kann, von den Dächern der Häuser einzusammeln.

All dies sind Anzeichen dafür, dass das Regime jeglichen Protest, wie er nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 aufflammte, diesmal schon im Keim ersticken will. Außerdem geht es für den Hardliner-Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad um seine politische Zukunft, hat er sich doch dank seiner unnachgiebigen Wirtschafts -und Außenpolitik auch innerhalb des Führungszirkels viele Feinde gemacht. Die Wahl soll nach dem Willen des obersten geistlichen Führers Ali Khamenei einerseits die Fraktion Ahmadinejads im Parlament schwächen und ihn somit angreifbar machen und andererseits der Welt gegenüber erneut beweisen, wie fest die Führung des schiitischen Gottesstaates im Sattel sitzt.

Die Suche nach dem Haar in der Suppe

Der Großteil der Bevölkerung jedoch interessiert sich nicht für Politik. Es geht eher um die Frage des Überlebens, da die Preise für Grundnahrungsmittel ständig in die Höhe schnellen. Zum wirtschaftlichen Druck kommt dann noch der Psychodruck der Sittenwächter und dafür hat man innerhalb der Bevölkerung absolut kein Verständnis: „Es läuft stets nach demselben Schema: Sie kommen auf dich zu, versuchen das berühmte Haar in der Suppe zu finden, und eine nicht enden wollende Lawine an Unannehmlichkeiten beginnt. Passt dein Kopftuch, kontrollieren sie die Fingernägel, passen auch die, versuchen sie etwas an deinem Make-up oder deiner zu gebräunten Gesichtsfarbe auszusetzen. Letztlich ziehst du immer den Kürzeren“, so Azadeh K..

„Polizeikontrollen hat es auch in Privatfirmen gegeben“, ergänzt ihre Freundin Shaghayegh. „Bist du einmal im Visier der Kontrolleure, musst du mitgehen und im Revier mehrere Predigten und sonstige Schikanen über dich ergehen lassen. Geld- und Gefängnisstrafen, Peitschenhiebe und eine Vormerkung im Personalakt bei Polizei und Geheimdienstministerium sind nur einige der Strafen, mit denen man rechnen muss.“

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 22.02.2012  12:11
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