Und der Oscar geht nicht an ...
Von Christiane Fasching
Innsbruck – Leonardo DiCaprio weiß bestens, wie es sich anfühlt, mit vorbereiteter Dankesrede im Sakko bei der Oscar-Gala zu sitzen und selbige wieder mit nach Hause zu nehmen. Ohne sie je vorgetragen zu haben. Drei Mal war der Hollywood-Beau bereits für einen Oscar nominiert, drei Mal musste der 37-Jährige anerkennend Applaus spenden, während ein anderer jubeln durfte. Und als Held der Traumfabrik gefeiert wurde.
Heuer musste DiCaprio gar nicht erst an huldvollen Dankesworten feilen – dabei galt er vielerorts schon als Favorit für den Goldmann. Doch seine brillante Darstellung des FBI-Gründers J. Edgar Hoover in Clint Eastwoods Meisterwerk „J. Edgar“ wollte die Academy nicht aus der Reserve locken. Der wandelbare Mime hat es nicht einmal auf die Nominierungsliste geschafft. Genauso wenig wie Eastwoods Drama, das ebenfalls mit keiner einzigen Nominierung bedacht wurde. Eine Entscheidung, die vielerorts auf Unverständnis stieß. Und in zahlreichen Internet-Foren Empörung auslöste.
Was für die beiden Hollywood-Stars nur wenig tröstlich sein mag, ist die Tatsache, dass sie mit diesem Schicksal nicht allein sind. Die Liste der Nicht-Nominierten, die von der Fachwelt für oscartauglich gehalten wurden, ist heuer erstaunlich lang. Und prominent. Man denke nur an Lars von Triers Science-Fiction-Drama „Melancholia“, das beim Europäischen Filmpreis abräumte und dessen Hauptdarstellerin Kirsten Dunst in Cannes mit einer Goldenen Palme geehrt wurde. Im Oscar-Rennen spielen sie trotzdem nicht mit.
Durch die Finger schaut auch Michael Fassbender, der in Steve McQueens Drama „Shame“ mit ganzem Körpereinsatz einen sexsüchtigen New Yorker Geschäftsmann spielt – und dafür bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Darstellerpreis gewürdigt wurde. Bei den Golden Globes wiederum schnappte ihm der oscarnominierte George Clooney die Trophäe weg. Fürs Oscar-Universum hat‘s trotzdem nicht gereicht. Man munkelt, dass den Academy-Mitgliedern beim Anblick von Fassbenders zur Schau gestellter sexueller Ungezügeltheit wohl die Schamesröte ins Gesicht stieg.
Durch und durch jugendfrei zeigt sich indes Steven Spielbergs Animationsfilm „Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn“. Chancen auf den Animations-Oscar hat dem Golden-Globe-Gewinner dieser Kategorie dies trotzdem nicht eingebracht. „Tim und Struppi“ kann nur in der Kategorie „Filmmusik“ auf eine goldige Auszeichnung hoffen. Spielberg wird‘s verkraften.
Die zweifache Oscar-Preisträgerin Charlize Theron sollte den Schock der Nichtnominierung auch wieder überwunden haben. Wenngleich sie laut Experten in „Young Adult“ als Jugendbuch-Autorin mit Peter-Pan-Syndrom eine oscarreife Leistung auf die Leinwand legte. Ryan Gosling hingegen dürfte die Ignoranz der Academy schön langsam auf den Geist gehen – schon im Vorjahr war der 31-Jährige im Beziehungsdrama „Blue Valentine“ mehr als positiv aufgefallen. Nur eben nicht den Oscar-Organisatoren, die Gosling bei den Nominierungen übergingen. Heuer wiederholt sich das Spiel: Dabei wurden dem gebürtigen Kanadier gleich doppelte Oscar-Chancen eingeräumt. Nominiert wurde er dann weder für „Die Iden des März“ noch für „Drive“.
Die Gründe dafür wird die Welt wohl nie erfahren. Ein Geheimnis war bis jetzt auch die Zusammensetzung der mehr als 6000-köpfigen Academy, die über die Vergabe der Oscars entscheidet. Wobei die L. A. Times nun etwas Licht ins Dunkel bringt, konnte sie doch einen Großteil der Mitglieder identifizieren. Von einer ausgewogenen Mischung kann dabei nicht die Rede sein: Beinahe 94 Prozent der Oscar-Abstimmer sind weißer Hautfarbe, 77 Prozent sind männlich, Schwarze und Latinos sind spärlich gesät. Menschen unter 50 machen nur 14 Prozent der Mitglieder aus – das Durchschnittsalter beträgt stattliche 62 Jahre.
aktualisiert: So, 24.02.2013 03:04


