22.02.2012, 13:53 
Österreich

Muzicant-Nachfolger Deutsch will IKG stärker öffnen

Der Nachfolger von Ariel Muzicant als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Oskar Deutsch, will seine Gemeinde in Zukunft stärker auch für Nicht-Juden öffnen. Außerdem will er gegen die Abwanderung österreichischer Juden kämpfen und den Dialog mit dem Islam weiterführen.
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Wien – Der neue Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Oskar Deutsch, will sich wie sein Vorgänger Ariel Muzicant gegen Rechtsextremismus engagieren. Den Kampf gegen die Abwanderung jüdischer Bevölkerung will er ebenso fortführen, wie den Dialog mit den heimischen Muslimen, sagte er am Mittwoch im Interview mit der APA. Deutsch, der am Dienstag zum interimistischen Nachfolger Muzicants gewählt worden war, wird bei den Vorstandswahlen im November als Spitzenkandidat seiner Liste „Atid“ antreten.

Das Auftreten gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit werde wohl auch noch weiterhin notwendig sein, befürchtet Deutsch. „Und ich würde mir wünschen, dass es solche Auftritte nicht geben muss.“ Der IKG-Präsident wünscht sich, dass es Aussprüche wie den angeblichen Juden-Sager von FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache gar nicht erst gäbe. „Dann müsste man sich mit diesen Sachen nicht beschäftigen, das wäre die heile Welt.“ Aber: „In der leben wir nicht, wir sind realistisch genug.“

„Stillstand bedeutet Rückschritt“

Die meisten Herausforderungen für den neuen Präsidenten betreffen aber immer noch die Gemeinde selbst, deren Einheit und Strukturen er erhalten will. „Da gibt es genügend zu tun“, meint Deutsch und verweist auf die zahlreichen Schulen, Synagogen und anderen sozialen wie kulturellen Einrichtungen. Zudem helfe man den vielen jüdischen Vereinen - laut Deutsch mehr als 200 - „über die Runden zu kommen“. Wichtig sei jedenfalls: „Es darf nirgends einen Stillstand geben, den Stillstand bedeutet Rückschritt.“

Aber auch eine weitere Herausforderung gilt es für Deutsch in der Gemeinde zu bewältigen: „Ich beschäftige mich mit der Armut in der Kultusgemeinde. Wir haben viele arme Leute, denen geholfen werden muss, die wirklich Sorgen haben, die am Rande des Existenzminimums sind.“ Und auch das bekannte Problem der Abwanderung österreichischer Juden gelte es zu bewältigen. „Entgegengewirkt werden kann dem nur, wenn wir genügend Mitglieder haben, die die Möglichkeit haben, einen Partner zu finden“, meint Deutsch.

Ein weiteres Projekt der Kultusgemeinde unter ihrem neuen Präsidenten werde die Öffnung der IKG sein. Ein wirkliches Imageproblem sieht er zwar nicht, aber: „Durch ein forsches Auftreten haben wir vielleicht nicht zu unserer Beliebtheit beigetragen. Auf der anderen Seite kann man nur durch forsches Auftreten auch die Aufmerksamkeit bekommen.“ Es sei wichtig, alles zu tun, um in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Dass Juden auch in der Politik wie etwa im Nationalrat vertreten sein sollen, findet Deutsch hingegen nicht vorrangig. Dies sei Sache jedes Einzelnen.

Dialog mit Muslimen auf der Agenda

Auch den Dialog mit dem Islam will Deutsch weiterführen. Erst vor wenigen Wochen habe der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Fuat Sanac, die IKG-Führung besucht. Betont worden seien abermals gemeinsame Interessen, wie derzeit etwa das Problem das Schächtens, das in einigen europäischen Ländern verboten werden soll. Klar sei aber auch: „Den Nahostkonflikt sollen und werden wir hier nicht lösen.“

Auch eine Novelle zum 120 Jahre alten Israelitengesetz wird voraussichtlich in den kommenden Wochen von der Regierung beschlossen werden. Dieses soll die Rechte der heute in Österreich lebenden Juden - etwa Feiertage und koschere Lebensmittel - stärker verankern. Und nicht zuletzt ist sich Deutsch sicher, dass auch die Makkabispiele, die er im Juli 2011 in Wien organisiert hatte, wieder nach Österreich kommen würden. „Aber ich kann Ihnen garantieren, dass ich da nichts mehr damit zu tun haben werde - außer als Gast.“

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 22.02.2012  13:53
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