Hollywood ist sprachlos: Oscar-Triumph für Stummfilm „The Artist“
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„The Artist“ hat bei den Oscars abgeräumt.
Foto: Filmladen
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Los Angeles - Am Ende war es ausgerechnet ein Stummfilm, der den großen Kenner der Filmgeschichte, Martin Scorsese, besiegte: Das französische Schwarz-Weiß-Opus „The Artist“ von Regisseur Michel Hazanavicius hat bei der 84. Oscar-Verleihung in Los Angeles über das farbgewaltige 3D-Werk „Hugo Cabret“ von Hollywoods Altmeister triumphiert. Insgesamt fünf Academy Awards - darunter in den wichtigen Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bester Hauptdarsteller - konnte „The Artist“ erringen. Zwar kam auch der mit elf Nennungen meistnominierte „Hugo Cabret“ auf fünf Goldstatuetten - allerdings vorwiegend in den weniger renommierten technischen Kategorien. Ansonsten purzelten bei der zum neunten Mal von Gastgeber Billy Crystal souverän moderierten Gala einige Rekorde.
Meryl Streep schrieb Geschichte
Geschichte schrieb etwa Schauspiellegende Meryl Streep mit ihrer 17. Nominierung für ihre Darstellung von Margaret Thatcher in „Die eiserne Lady“, die sie am Abend in ihren dritten Oscar ummünzen konnte. Auch in der Kategorie der besten Nebendarsteller galt es, einen Rekord zu feiern: Nach sechs Jahrzehnten dauernder Karriere durfte sich Christopher Plummer für seinen Part in „Beginners“ erstmals den verdienten Oscar abholen und geht damit als ältester je ausgezeichneter Schauspieler in die Annalen der Academy Awards ein. Rekord Nummer drei stammt vom Triumphator bei den Hauptdarstellern: Hier holte sich Jean Dujardin für seine Interpretation eines am Tonfilm scheiternden Stummfilmstars in „The Artist“ als erster Franzose den „Goldjungen“ in der bedeutenden Kategorie.
In dem nach der Insolvenz des Sponsors nicht mehr als „Kodak Theatre“ sondern „Hollywood & Highland Centre“ firmierenden Austragungsort der Gala mauserte sich der Überraschungserfolg „The Artist“ auch abseits von Dujardins Erfolg zum großen Gewinner des Abends. Neben dem Oscar als bester Film 2011, durfte auch Regisseur Hazanavicius, sein Filmkomponist, sowie die Kostümabteilung jubeln. Veteran Martin Scorsese musste sich dagegen für seine im Paris der 1930er Jahre angesiedelte Filmhommage „Hugo Cabret“ mit den Auszeichnungen für Kamera, Ausstattung, Spezialeffekte, Ton und Tonschnitt begnügen. Völlig durch die Finger schauten hingegen die jeweils sechsfach nominierten „Gefährten“ von Steven Spielberg und „Moneyball - Die Kunst zu gewinnen“ mit Brad Pitt.
Dass man für einen Oscar-Sieg bisweilen Geduld braucht, zeigte die Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch an Woody Allen für „Midnight in Paris“. Der traditionell den kompetitiven Charakter der Gala durch Abwesenheit boykottierende Filmemacher kann allein in der Drehbuchkategorie auf 15 Nominierungen zurückblicken, hatte jedoch seit 25 Jahren keinen Academy Award mehr erhalten.
Octavia Spencer war überwältigt
Verhältnismäßig kurz ist hingegen die Filmkarriere von Octavia Spencer, die entsprechend überwältigt den Nebenrollen-Oscar der Frauen für ihre Rolle als Dienstmädchen im Südstaatendrama „The Help“ entgegennahm. Den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch durften sich Regisseur Alexander Payne und seine Co-Autoren Nat Faxon und Jim Rash für „The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten“ mit nach Hause nehmen. Den Oscar für den besten Animationsfilm sicherte sich Gore Verbinskis ironisches Westernstück „Rango“.
Ebenfalls wenig überraschend war der Preis für den besten nicht englischsprachigen Film, der an den Berlinale-Gewinner „Nader und Simin - Eine Trennung“ von Regisseur Asghar Farhadi ging. Dieser widmete die Auszeichnung dem iranischen Volk, „das alle Kulturen und Zivilisationen respektiert und Feindseligkeit und Ressentiments verachtet“ - eine angesichts des eskalierenden Atomstreits mit dem Regime in Teheran politische Aussage. Deutschlands Oscar-Hoffnung Wim Wenders musste sich in der Sparte Dokumentarfilme mit seinem 3D-Tanzessay „Pina“ dem US-Streifen „Undefeated“ geschlagen geben - was auch für die von der Wiener Firma Sabotage Filmproduktion koproduzierte Doku „Hell and Back Again“ galt.
Hollywood blickte zurück
Alles in allem präsentierte sich in Los Angeles am Sonntagabend ein Hollywood, das unter dem Motto „Die Gegenwart feiern und auf die glorreiche Vergangenheit zurückschauen“ Tradition bis an die Grenze zur Nostalgie verherrlichte. Die beiden dominanten Werke „The Artist“ und „Hugo Cabret“ huldigen früheren Epochen der Traumfabrik Kino und mit Streep, Plummer sowie Allen wurden verdiente Veteranen geehrt. Zusätzlich berichteten in Einspielern Hollywoodgrößen von ihrer ersten Begegnung mit dem Medium, während Moderator Billy Crystal vor der Kulisse eines alten Kinoeingangs durch den Abend führte. Hollywood suchte die Selbstvergewisserung offensichtlich in der Rückschau. (APA)
aktualisiert: Mo, 27.02.2012 14:32

