29.02.2012
Architektur

Krise, Kunst und Klassenkampf

Der österreichische Künstler Oliver Ressler stellt seit Jahren Fragen zu ökonomischer Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit. Ein Thema, das angesichts der Krise virulenter denn je ist. Aber nicht immer erwünscht.

Innsbruck – „Nach der Krise ist vor der Krise“, titelt Oliver Resslers aktuelle Ausstellung in Mailand, sie beinhaltet als Wandtext u. a. auch jenen Slogan, den der 1970 in Knittelfeld Geborene eigentlich in Innsbruck plakatieren wollte. Ein Gespräch über „Wahlen sind Betrug“, politische Kunst und Finanzsysteme.

Sie haben zuletzt auch eine Ausstellung für das Austrian Cultural Forum in New York kuratiert, im Text zu „It‘s the Political Economy, Stupid“ behaupten Sie, die Wirtschaftskrise stürze zunehmend auch die westliche Demokratie in eine Krise. Wie ist das gemeint?

Oliver Ressler: Ich glaube, dass die Ökonomie so dominiert, dass auch demokratische Strukturen beeinflusst sind. Das sieht man derzeit am Beispiel Griechenlands, aber auch Italiens, wo durch den Einfluss und die Macht von Finanzinstitutionen eine Regierung eingesetzt wurde, die nicht demokratisch legitimiert ist. Und die sicherstellen will, dass die Kredite der Geberländer zurückgezahlt werden. Dabei geraten soziale Errungenschaften, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurden, ins Hintertreffen. Und die, die diese Krise verursacht haben, kommen zugleich weitgehend ungeschoren davon. Das widerspricht natürlich jeglicher Logik von Gerechtigkeit. Und hat starken Einfluss darauf, wie das System der Demokratie von der Bevölkerung wahrgenommen wird.

Ist die Kunst im Zuge der Krise politischer geworden?

Ressler: Es hat immer schon Künstlerinnen und Künstler gegeben, die politisch waren. Aber ich glaube schon, dass durch die Krise der Prozentsatz derer angestiegen ist, die ihre künstlerische Praxis auch für politische Argumentation verwenden. Aber die Krise hat auch eminente Auswirkungen auf die Kunst an sich. In New York ist in den letzten drei Jahren die Hälfte der kommerziellen Galerien zusammengebrochen. Und das hat gravierende Auswirkungen auf die Einkommenssituation von Künstlern.

Aber der Kunstmarkt scheint unbehelligt zu bleiben.

Ressler: Ja und nein. Damian Hirst, der einer der finanziell erfolgreichsten zeitgenössischen Künstler ist, hat im Zuge der Finanzkrise zirka ein Drittel seiner Angestellten hinauswerfen müssen und muss jetzt mit einem abgespeckten Team von nur 35 Leuten seine Kunst herstellen, weil ihm ja auch die ganzen Hedgefonds-Manager als Kunden abhandengekommen sind. Es kann aber auch sein, dass es einfach zu einer Neuordnung der Hierarchien gekommen ist. Da bin ich nicht Experte genug, um Auskunft geben zu können.

Sie selbst befassen sich in Ihren Arbeiten seit Jahren mit demokratiepolitischen Prozessen bzw. Machtstrukturen. Sie verstehen also Kunst als Instrument, um Systeme kritisch zu hinterfragen?

Ressler: Für mich ist Kunst eine Möglichkeit, mich in bestehende politische Debatten einzumischen. Oder Diskussionen neu anzufachen. Das kann in unterschiedlichen Medien stattfinden, zum Beispiel in Filmen, in denen auch Protagonisten des Protests zu Wort kommen. So wird mit der Kunst ein Artikulationsraum zur Verfügung gestellt.

In Tirol wollten Sie im Rahmen der TKI open den Slogan „Wahlen sind Betrug“ plakatieren, das Projekt wurde vom Land abgelehnt, u. a. mit der Begründung, der Slogan sei „inhaltlich falsch“. Was war der Grundgedanke des Projekts?

Ressler: Der Grundgedanke war, dass man einen Slogan, der 1968 geprägt wurde, wieder aufgreift und in einer künstlerischen Plakatserie abtestet, inwieweit er im heutigen Kontext Relevanz haben könnte. In einem Kontext, in dem, wie wir eingangs diskutiert haben, die Gesellschaft stark beeinflusst ist durch eine Finanz- und Wirtschaftskrise, die den Abbau von sozialen Sicherheitsstandards mit sich bringt. Wodurch auch der demokratische Wille einer Mehrheitsbevölkerung unterlaufen wird. Denn eine Mehrheitsbevölkerung hat kein Interesse daran, dass im Sozialbereich gespart wird. In Griechenland ist das Verteidigungsbudget nahezu unangetastet geblieben, aber 30.000 Leute haben ihre Wohnung verloren und sind praktisch obdachlos. Aber denen, die an der Macht sind, geht es darum, Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Das ist zu einem gewissen Grad eine reaktualisierte Form von Klassenkampf, die hier stattfindet.

Verfolgen Sie das Projekt in Innsbruck weiter?

Ressler: Im Hintergrund finden gerade Gespräche über Möglichkeiten statt, es zu verwirklichen. Dazu kann ich aber noch keine Details bekannt geben.

Gespräche mit dem Land?

Ressler: Ich versuche schon seit Dezember, mit dem Land in Gespräche zu treten. Aber leider zeichnet sich die öffentliche Hand über die Person der Frau Landesrätin Dr. Palfrader durch eine 100-prozentige Gesprächsverweigerung mir gegenüber aus.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 29.02.2012
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