13.04.2012, 09:44  Aktualisiert: 13.04.2012, 11:37 
„Willkommen im Krieg“

Soldaten senden Wilson Gonzalez Ochsenknecht Todesdrohungen

Wegen der Kriegskomödie „Willkommen im Krieg“, die am Ostermontag auf Pro Sieben ausgestrahlt wurde, ist bei der Bundeswehr ein Entrüstungssturm ausgebrochen.
Die Antikriegskomödie „Willkommen im Krieg“ stößt vielen Soldaten der Bundeswehr sauer auf.Foto: ProSieben Media AG
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Von Renate Kofler

Berlin – „Ich bring dich um, du Tunte!“: Solche und ähnliche Todesdrohungen flattern derzeit bei Jungschauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht ins Haus. Wie die deutsche „Bild“-Zeitung berichtet, stammen sie von wütenden Soldaten der Bundeswehr, die damit gegen die ProSieben-Kriegskomödie „Willkommen im Krieg“, bei der Ochsenknecht mitgespielt hatte, protestieren wollen. Von einem Soldaten erhielt der Ochsenknecht-Spross sogar eine Todesanzeige mit seinem Namen und Foto.

Seit Tagen sorgt der Film für Aufregung in Foren und sozialen Netzwerken – und das, obwohl er nur miese Quoten einfahren konnte. Auf Facebook wurde eine Gruppe mit dem Namen „Pro7 Ostermontag-Boykott“ gegen die Komödie eingerichtet, die binnen weniger Stunden fast 24.000 Unterstützer hatte.

Mittlerweile haben sich die Anfeindungen derart hochgeschaukelt, dass die Bundeswehr interne Ermittlungen einleiten musste. „Erhält die Bundeswehr von solchen Vorfällen Kenntnis, gilt für die zuständigen Vorgesetzten der Grundsatz: Aufklären, abstellen, Konsequenzen ziehen“, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber der „Bild“.

Zivilist zieht in den Krieg

Bei dem von ProSieben als „Antikriegskomödie“ bezeichneten Film geht es um zwei deutsche Freunde, von denen einer in den Auslandseinsatz ziehen muss. Nach einem Saufgelage vor der Abreise sitzt aber der Falsche auf dem Flug ins Kriegsgebiet. Damit sein Freund nicht als Deserteur gilt, springt der junge Mann ein – ohne jemals gedient zu haben. Der Rest ist übertriebenes Geplänkel – Alkoholexzesse, Langeweile, dumme Streiche: Dass sich Bundeswehrsoldaten bei dieser überspitzten Darstellung persönlich angegriffen fühlen, kann sogar der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, nachvollziehen. „Drohungen mit solchen Inhalten haben keinen Platz in der Bundeswehr und sind zu verurteilen. Die inakzeptablen Äußerungen zeigen aber auch, wie emotional über den Film in der Truppe diskutiert wird und wie unangemessen sich die Soldaten dargestellt fühlen.“

Fragwürdiger Ausstrahlungstermin

Sauer stößt bei vielen Soldaten vor allem der zeitlich gewählte Ausstrahlungstermin auf. Die Komödie wurde am Ostermontag im Hauptabendprogramm gezeigt. Ziemlich genau zwei Jahre zuvor sind bei einem schweren Gefecht in der afghanischen Provinz Char Darah im Norden drei deutsche Bundeswehrsoldaten von den Taliban erschossen worden, weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Dabei waren die Deutschen in friedlicher Mission unterwegs gewesen – sie wollten die Straßen von Minen säubern.

Im Afghanistan-Einsatz – der augenscheinlich bei der Komödie parodiert werden soll – sind bisher 53 Bundeswehrangehörige ums Leben gekommen. Dass die Ausstrahlung purer Zufall war, können die Filmemacher nicht behaupten. Bereits im Vorfeld haben sich zahlreiche Soldaten und Angehörige von Opfern an die Senderkette gewandt, um zumindest eine zeitliche Verschiebung zu erreichen.

In einem Forum auf Facebook hat ein Soldat sein Schreiben gepostet: „Ich bitte aus gegebenem Anlass höflichst darum, die Ausstrahlung des Films ,Willkommen im Krieg‘ über Ostern zu verschieben. Grund meines Antrages ist es, den Respekt unserer gefallenen Kameraden gegenüber zu bewahren“, schreibt er und erklärt dann ausführlich, was sich zu Ostern 2010 in Afghanistan zugetragen hat.

Standard-Antwort von ProSieben

Wie viele seiner Kollegen erhält er vom Publikumsservice von ProSieben eine standardisierte Antwort: „,Willkommen im Krieg‘ ist vor allem eins: ein Antikriegsfilm. Man kann ihn an jedem Tag des Jahres zeigen. Er greift ein komplexes Thema auf, das bei uns in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird: der Einsatz von jungen Bundeswehrsoldaten in Kriegsgebieten. Das Genre der Komödie wurde gewählt, weil sie durch ihr komisches, provozierendes, kritisches und auch entlarvendes Darstellen auch ein emotionaler Befreiungsschlag sein kann, der die Zuschauer das Unbegreifbare leichter erleben und verarbeiten lässt – und trotzdem dabei Missstände aufzeigt.“

Auch der Produzent des Streifens, Ivo Alexander Beck, sieht nichts negatives an der Komödie. Im Gespräch mit „stern.de“ erklärt er, wie er die Schauspieler auf ihre Rollen vorbereitet hat: „Ich habe ihnen vor dem Dreh einen ,Spiegel‘-Artikel über den Afghanistankrieg zu lesen gegeben. Diese Gruppe von Jugendlichen hat kein ausgeprägtes Verhältnis zu dem Konflikt. Die Armee ist überhaupt kein Thema, denn da waren die meisten von ihnen nicht. Und das geht ganz vielen jungen Leuten in Deutschland so. Das ist nicht ihr Krieg.“

Beck gibt außerdem zu, dass die Produktion keinerlei Unterstützung von Seiten der Bundeswehr erhalten hat. Alle gezeigten angeblichen Wahrheiten über das Leben im Kriegseinsatz stammen von einem einzigen Berater, „der uns unter anderem bei der Handhabung von Militärtechnik beraten hat.“

Trotz allem ist der Film für die Soldaten kein Klamauk: „Wenn zwei Jahre zuvor erst drei, 13 Tage später vier Kameraden fallen, dann nimmt man sowas ernst“, entzürnt sich ein Bundeswehrangehöriger auf Facebook.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 13.04.2012  09:44
aktualisiert: Fr, 13.04.2012  11:37
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