15.04.2012
Tirol

„Viele Priester leben in Beziehungen“

Hat der Priester eine Partnerin, stört das die Gemeinde nicht, sagen „Priester ohne Amt“ und Plattform „Wir sind Kirche“.Foto: Begsteiger
Foto: Robert Parigger (Symbolfoto)

Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Die in der breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene Affäre des Pfarrers von Stützenhofen ist kein Einzelfall, sagt der österreichweit agierende Verein „Priester ohne Amt“. Laut Herbert Bartl, ehemaliger Pfarrer und heute Altenheim-Seelsorger, „lebt mehr als die Hälfte der Priester in Beziehungen und viele haben auch Kinder“. Für Bartl zeigt der jüngste Fall einmal mehr, „dass der Pflichtzölibat fallen muss. Diese unselige Doppelmoral kann man doch nicht länger aufrechterhalten.“ Besonders tragisch findet Bartl, „dass die Kirchenführung froh ist, wenn diese Beziehungen – ob mit Frauen oder Männern – heimlich sind. Werden sie öffentlich, dann muss nämlich der Bischof laut Kirchenrecht handeln und man verliert wieder einen Priester.“ Dass im Fall Stützenhofen die Gemeinde sehr wohl wusste, dass ihr Pfarrer eine Affäre hatte, wundert Bartl nicht: „Das ist meistens so. Den Menschen ist lieber, wenn ihr Pfarrer ehrlich ist.“ Das zeige auch eine Gallup-Umfrage aus dem Jahr 1998. Darin wünschten sich 82 % der Kirchgänger den verheirateten Priester. Bei den unter 30-Jährigen waren es sogar 98 %. Nichts abgewinnen kann Bartl dagegen der Praxis, „dass ein Priester eine Affäre oder eine Beziehung hat, die dann auslebt und das halt beichtet und die Sache ist wieder in Ordnung. Der Verein weiß aus vielen Gesprächen mit Betroffenen, dass das gang und gäbe ist“, sagt Bartl. Entscheidet sich ein Geistlicher für eine Partnerschaft und damit gegen den Zölibat, liege ein steiniger Weg vor ihm. „Du stehst dann da und musst bei null anfangen, denn du fällst um deine Sozialversicherung und hast auch keine Arbeitslosenversicherung“, weiß Bartl aus eigener Erfahrung.

Auch für Peter Hurka, Vorsitzender der Plattform „Wir sind Kirche“, ist „evident, dass der Pflichtzölibat ein Problem ist. Wir gehen davon aus, dass von den rund 4200 Priestern in Österreich ein Viertel eine feste Partnerin hat – die Affären zähle ich da nicht mit.“ In der Regel wisse auch der Bischof von diesen Beziehungen, „aber man akzeptiert sie lieber stillschweigend, weil man u. a. in Zeiten des akuten Priestermangels nicht noch mehr Priester verlieren will“.

Für die Gemeinden seien die Partnerschaften „meist überhaupt kein Problem. Man sieht hier den Priester in erster Linie als Menschen.“ Zudem brauche man zur Glaubensverkündigung „Priester, die beziehungsfähig sind“, ist sich Hurka sicher. Hurka kennt selbst einige Priester, die in Beziehungen leben: „Da ist z. B. ein Priester, der drei Kinder hat und mit der Frau wie in einer ganz normalen Familie lebt. Damit alles seine Richtigkeit hat, haben die beiden halt verschiedene offizielle Wohnadressen.“ Für Hurka ist es längst an der Zeit, dass der Pflichtzölibat fällt, weil „die Priester das Recht haben müssen, ihre Lebensform selbst zu wählen“.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 15.04.2012
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