17.04.2012, 11:46  Aktualisiert: 17.04.2012, 14:34 
Österreich

Sexueller Missbrauch: Jeder Vierte tut bei Verdacht nichts

Neun von zehn Österreichern wünschen sich strengere und härtere Strafen bei Kindesmissbrauch.
Eine verfrühte Anzeige sei nicht immer im Sinne der Kinder. Bei Verdachtsfällen sei zwischen vagem und konkretem Verdacht zu unterscheiden.
Foto: APA

Wien – Jeder vierte Österreicher tut bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch nichts. Das geht aus einer vom Kinderschutzzentrum „möwe“ in Auftrag gegebenen Umfrage hervor. Dennoch ist die Bereitschaft, etwas zu unternehmen derzeit stärker ausgeprägt, als sie noch im Jahr 2009 war (damals wurde die selbe Studie durchgeführt, Anm.), sagte Meinungsforscherin Sophie Karmasin bei der Präsentation der Ergebnisse am Dienstag in Wien.

Mehr als zwei Drittel der 1000 Befragten gab an, im Fall eines Verdachts die Polizei informieren zu wollen, ein Drittel gab sich zögerlicher und meinte, zunächst weiter beobachten und prüfen zu wollen, ob sich der Verdacht erhärte. 40 Prozent würden das Jugendamt einschalten. Sofort eine Anzeige zu erstatten, „ist nicht immer das Mittel der Wahl“, sagte Hedwig Wölfl, fachliche Leiterin der „möwe“. Eine verfrühte Anzeige sei nicht immer im Sinne der Kinder. Bei Verdachtsfällen sei zwischen vagem und konkretem Verdacht zu unterscheiden. Bei vagen Anzeichen rät die Expertin, zunächst selber Beratung zu holen und nicht vorschnell zu handeln. Die Hotline der „möwe“ ist beispielsweise unter der Telefonnummer 0800/808088 erreichbar.

Jeder zweite Österreicher hält die gesetzlichen, politischen und polizeilichen Maßnahmen im Kampf gegen Kindesmissbrauch für nicht ausreichend. Neun von zehn wünschen sich strengere und härtere Strafen bei Kindesmissbrauch, zwei Drittel meinen, die Bevölkerung sollte mehr Wissen darüber haben, welche Handlungen strafbar sind. Fast 30 Prozent stehen einem verpflichtenden Elternführerschein positiv gegenüber, der diese im richtigen Umgang mit Kindern schult.

Ein wesentlicher Grundstein der Arbeit der „möwe“ ist laut Martina Fasslabend, der Präsidentin der Organisation, die Präventionsarbeit. In Workshops an Schulen sollen Kindern spielerisch und altersangemessen Botschaften wie „Vertraue auf deine Gefühle“, „Über deinen Körper darfst du selbst bestimmen“, „Du darfst auch Nein sagen“ oder „Hol dir Hilfe, auch wenn es schwerfällt“ vermittelt werden.

Klasnic will Präventionsplattform

Die Vorsitzende der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft, Waltraud Klasnic, wünscht sich eine Einrichtung, die Missbrauch in öffentlichen und privaten Einrichtungen vorbeugen soll. „Wir brauchen eine Präventionsplattform“, lautete die Forderung am Dienstag in einer Pressekonferenz anlässlich der Zwei-Jahres-Bilanz ihrer Kommission. Gegen Kritik, man agiere unter Einfluss der Kirche, wehrte sie sich: „Ich lege viel Wert auf das Wort ‚unabhängig‘.“

„Wir sind so etwas wie eine Anlaufstelle des Vertrauens geworden“, resümierte Klasnic, die zugab, dass ihr die Tragweite zu Beginn ihrer Tätigkeit nicht in diesem Ausmaß bewusst gewesen sei. Für das erste Quartal 2013 hat sich die Opferschutzanwaltschaft nun einen umfangreichen Abschlussbericht vorgenommen. „Das ist aber noch kein Schlussstrich“, betonte Klasnic. Erfreut zeigte sich die ehemalige steirische Landeshauptfrau über das gewachsene Bewusstsein in der Bevölkerung Missbrauch betreffend: „Die Mauer des Schweigens und der geschlossenen Systeme wurde durchbrochen.“

Kritik, vor allem der Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt“, man befasse nicht nicht mit den Tätern, entgegnete Caroline List, Richterin und Kommissionsmitglied: „Was wir tun ist eine Plausibilitätsprüfung.“ Entscheidungen der Opferschutzanwaltschaft seien keine Urteile, da die mutmaßlichen Täter nicht angehört würden. Dass, wie die Plattform behauptete, rund 40 verdächtigte Priester nach wie vor im Amt seien, konnte List nicht bestätigen. „Ich würde ganz dringend darum bitten, dass diese Namen bekanntgegeben werden.“ Nur dann könne „dementsprechend gehandelt“ werden.

Klasnic begrüßte auch die Kompetenzerweiterung des Hilfsvereins „Weißer Ring“ durch die Regierung. „Ich bin sehr froh, dass der Bund nach zwei Jahren reagiert hat“, verwies sie auf eine bereits lange von der Kommission gestellte Forderung. Weiters Freude bei der Vorsitzenden löst die wissenschaftliche Begleitforschung der Klasnic-Kommission durch die Universität Wien aus. Das Projekt laufe bis November 2012, dann könne man auch erste Ergebnisse vorstellen, so Brigitte Lueger-Schuster. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 17.04.2012  11:46
aktualisiert: Di, 17.04.2012  14:34
sperrstunde
Parship
Jobs
Unterkunftssuche
Panoramabilder
Panoramabilder
Panoramablick
Events · Kino · TV · Motor · Multimedia · Musik · Stars · Leben ·
AGB Kontakt Impressum