„Der Papst ist nicht der Kronzeuge“
Von Wolfgang Sablatnig aus Rom
Rom – Die Überraschung war groß, als Papst Benedikt XVI. in der Karwoche in einer öffentlichen Predigt die österreichische Pfarrerinitiative angesprochen hat. „Ist Ungehorsam wirklich ein Weg?“, fragte der Papst am Gründonnerstag. Die Antwort würde Helmut Schüller, der Sprecher der Initiative, dem Kirchenoberhaupt gern selbst geben. Aber noch fühlt sich der Vatikan nicht zuständig für die Initiative aus Österreich. Der normale Weg sei, dass die Bischöfe und die Bischofskonferenz diesen Dialog führen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi im Gespräch mit österreichischen Journalisten in Rom.
Dabei werden die Vorgänge in Österreich in der Weltkirche aufmerksam registriert. Das 100-Einwohner-Dorf Stützenhofen und die Auseinandersetzung um den homosexuellen Pfarrgemeinderat haben sich binnen Tagen bis nach Lateinamerika herumgesprochen, berichtete Benedikt Steinschulte, langjähriger Referent im päpstlichen Rat für die sozialen Kommunikationsmittel. Er selbst hat am vergangenen Wochenende sogar in seiner Pfarre in Rom eine Fürbitte für die Pfarrerinitiative gehört – dafür nämlich, dass die Beteiligten ihren Weg korrigieren.
Diese Korrektur wünscht sich auch der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari. Er war Ende Jänner gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn, dem Salzburger Erzbischof Max Kothgasser und dem St. Pöltener Bischof Klaus Küng in Rom, um im Vatikan über die Pfarrerinitiative zu berichten. In der Karwoche veröffentlichte er einen Hirtenbrief mit scharfer Kritik an den Geistlichen und ihrem Aufruf zum Ungehorsam.
„Das Wort Ungehorsam war ein Tabubruch im Blick der Majorität der Weltkirche“, begründete Kapellari diese Kritik im Gespräch mit österreichischen Journalisten in Rom. Der Aufruf werde in vielen Teilen der Welt als „spiritueller Bankrott“ betrachtet. Das wisse auch Schüller – und wenn er dennoch die Papstworte als Einladung zum Dialog interpretiere, könne sich dahinter nur Strategie verbergen. Schüller sei durch den Papst nicht „nobilitiert“ worden, der Papst sei nicht der „Kronzeuge“, den Weg der Pfarrerinitiative fortzusetzen.
Und wie Lombardi sieht Kapellari die österreichischen Bischöfe zuständig. Sie hätten das Gespräch mit ihren Priestern begonnen. Und: „Auf dieser Ebene wird es bleiben.“
Auch Steinschulte sieht die Frage Benedikts nach dem Gehorsam nur als eine rhetorische – die Antwort aus Sicht des Vatikans sei klar. Der langjährige Kenner der römischen Kurie geht dennoch einen Schritt weiter und warnt vor einer Unterschätzung von Initiativen wie der in Österreich: „Ich weiß nicht, ob die Sprengkraft überall im Vatikan erkannt wird.“
Lombardi und Steinschulte sind mit ihrer kritischen Sicht nicht allein. Kurienkardinal Kurt Koch, Präsident des Rats zur Förderung der Einheit der Christen, wies im Gespräch mit den österreichischen Journalisten auf ein Missverständnis hin, dem viele Reformbewegungen unterlägen: „Es ist erstaunlich, dass man Vielfalt immer dort haben möchte, wo sie nicht möglich ist: im Amt.“ Priester müssten universal einsetzbar sein. Fragen wie die Weihe von Frauen oder von bewährten, aber verheirateten Männern („viri probati“) könne immer nur die Universalkirche lösen, nie die Ortskirche.
Kein Verständnis für die „Reibereien“ in Österreich hat auch der deutsche Kurienbischof Josef Clemens. Er war lange Privatsekretär des damaligen Kardinals und nunmehrigen Papstes Josef Ratzinger. Er rät, gerade angesichts der großen kirchlichen Kultur und Traditionen in Österreich doch lieber das große Ganze und das Positive zu sehen: „Ich kann nur sagen: ‚Tu felix Austria‘.“


