Islamist und Gefolgsmann Mubaraks in der Stichwahl
Kairo – Nach der ersten Runde der Präsidentenwahl in Ägypten zeichnet sich eine Stichwahl zwischen dem Kandidaten der Muslimbrüder und einem früheren Gefolgsmann des langjährigen Staatschefs Hosni Mubarak Mitte Juni ab. Laut den Muslimbrüdern liegt ihr Kandidat Mohammed Morsy (60) nach Auszählung von etwa 90 Prozent der Stimmen klar in Führung. An zweiter Stelle liegt demnach Ahmed Shafik (70), ehemaliger Luftfahrtminister und letzter Premier unter dem im Februar des Vorjahres entmachteten Mubarak.
Auch die staatliche Zeitung Al-Ahram sah gestern Morsy klar in Führung. Nach Auszählung von 42 Prozent der abgegebenen Stimmen soll er auf 24 Prozent gekommen sein. Auf dem zweiten Platz landete der ehemalige Ministerpräsidenten und Ex-Militär Ahmed Schafik vor dem linken Nationalisten Hamdeen Sabbahi, Gründer der sozialistisch-nationalistischen „Partei der Würde“. Die staatlichen Medien sprachen zunächst von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Morsy, dem unabhängigen Islamisten Abdel Moneim Abul Futuh, der aus der Muslimbruderschaft ausgeschlossen worden war, und Sabbahi. Der Ex-Außenminister und frühere Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Moussa, der im Vorfeld ebenfalls als Favorit gehandelt wurde, kann sich keine Hoffnungen auf das Präsidentenamt mehr machen.
Die Muslimbruderschaft hatte ursprünglich behauptet, sie wolle gar keinen eigenen Kandidaten aufstellen. Dann zauberte sie doch noch einen aus dem Hut: Khairat Shater. Als dieser aus formalen Gründen von der Wahlkommission ausgeschlossen worden war, sprang Morsy ein. Der Ingenieur saß für die damals offiziell verbotenen Muslimbrüder von 2000 bis 2005 im Mubarak-Parlament. 2011 wurde er Vorsitzender des neuen politischen Flügels der Bruderschaft, der „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“. Morsy wirbt für eine „islamische Renaissance“. Shafik hatte am Mittwoch seinen Landsleuten vorgeworfen, mit der Wahl einer starken islamistischen Parlamentsmehrheit einen „großen Fehler“ begangen zu haben. Sein Ziel sei es, die Muslimbrüder in die Schranken zu weisen. Sollte ein Islamist zum Präsidenten gewählt werden, hätte dies „enorme Probleme“ für Ägypten zur Folge, warnte er. Die Stichwahl soll am 16. und 17. Juni stattfinden. Der Sieger soll am 21. Juni feststehen. Danach will der seit Mubaraks Rücktritt regierende Oberste Militärrat unter Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi die Macht abgeben. Hinter den Kulissen dürfte das mächtige Militär aber weiter eine wichtige Rolle spielen. Große Teile der von Jugendlichen getragenen Revolutionsbewegung hatten aus Unzufriedenheit die Wahl boykottiert. (APA, AFP, dpa, jec)


